Basler Kommentar
#NousSommesCharlie #NousSommesAhmed

Der Basler Kommentar über die Folgen der Terroranschläge in Paris.

Joël Thüring
Joël Thüring
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Eine Fahne mit dem Spruch «Je suis Charlie».

Eine Fahne mit dem Spruch «Je suis Charlie».

Keystone

Vor einer Woche hat eine Terrorwelle die ganze Welt erschüttert. Die barbarischen Anschläge mit 17 Toten waren ein Angriff auf Demokratie und Freiheit. Wir fragen uns, ob dies der Anfang einer neuen Zeitrechnung des Zusammenlebens zwischen Christen und Muslimen ist? Ist ein Zusammenleben angesichts derartig blutrünstiger Anschläge noch möglich? Wie gehen wir mit der steigenden Anzahl Muslime in der Schweiz und Europa um? Und was machen wir mit IS-Heimkehrern?

Darauf eine abschliessende Antwort zu finden, ist unmöglich. Sehr wohl müssen wir uns aber mit dieser Frage auseinandersetzen. Wir jubeln alle, wenn muslimische Schweizer wie die Fussballer Xherdan Shaqiri oder Granit Xhaka ein Tor schiessen. Doch was machen wir mit denjenigen, die nicht im Dress der Nati auflaufen, in unserem Land aber leben und arbeiten? Sind wir nun zu ihnen, angesichts des vielleicht muslimisch klingendem Namens und eines regelmässigen Moschee-Besuchs, noch offen? Oder grenzen wir uns nach den Terroranschlägen von New York, London und jetzt Paris endgültig von ihnen ab?

Nein, das dürfen wir nicht! Denn dann haben die Attentäter das wahre Ziel erreicht. Es hört sich despektierlich an, aber letztlich ging es diesen islamistischen Terroristen nie um die direkten Toten. Es geht ihnen um eine Destabilisierung der westlichen Gesellschaft und um das Säen von Hass und Zwietracht. 9/11 hat die USA und die Welt verändert. Die Überwachung von Bürgern durch das Abhören und neue Terrorgesetze haben einschneidende Folgen für uns alle.

Zur Aufrechterhaltung der Sicherheit aller werden die persönlichen Freiheiten Einzelner eingeschränkt. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch notwendig – auch wir in der Schweiz müssen inskünftig wieder auf- und nicht abrüsten, jedoch massvoll. Die Einschränkung unserer Freiheit und das Leben in Angst und Misstrauen, das ist das, was die Terroristen erreichen wollen.

Die Freiheit dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Es ist schön, zu sehen, wie «Charlie Hebdo» heute mit einer Grossauflage regulär erscheint. Und es freut mich, dass auf der ganzen Welt die Meinungsfreiheit hochgehalten wurde. Doch mit gemeinsamen Trauermärschen ist es noch lange nicht getan.

Wir müssen den Dialog der Kulturen intensivieren, gleichzeitig aber auch radikale Kräfte hart anpacken und sie in die Schranken weisen. Es wäre fatal, wenn wir jetzt alle Muslime unter Generalverdacht stellen. Auch ich habe Muslime in meinem Freundeskreis, und auch diese Menschen sind wegen der Anschläge erschüttert. Wir müssen im weiteren Zusammenleben erreichen, dass diese islamistische Radikalisierung nicht stattfinden kann. Hierfür braucht es keine staatlichen Integrations-Wohlfühl-Programme, sondern eine eigenverantwortliche Integration durch Sprache und Bildung. Den wichtigsten Anteil haben dabei nicht Staat und Politik, sondern wir selber. Durch das Verbindende im Sportverein, dem gemeinsamen Schulbesuch oder am Arbeitsplatz. Wer sich integrieren kann, ist kaum anfällig für Hassprediger.

Falsch wäre es aber, wenn wir Ängste der Bürger nicht ernst nehmen. Die Bürgerbewegung Pegida beispielsweise nimmt Ängste auf, die die deutsche Politik lange vernachlässigt hat. Es gilt, diese Ängste der Bürger ernst zu nehmen und nicht alle Teilnehmer dieser Märsche als Rechtsradikale abzustempeln. Natürlich sind auch mir die Organisatoren dieser Märsche suspekt. Doch es hat auch einfach nur Bürger dabei, die vor den Folgen des Islams Angst haben und das mit dem Mitlaufen zum Ausdruck bringen wollen. Treten wir mit diesen Menschen in den Dialog, ansonsten findet erst recht eine Radikalisierung statt. Durch das Ausgrenzen und Scharfmachen hätten die Terroristen ihr eigentliches Ziel erreicht. Lassen wir das nicht zu. Denn letztlich sind wir alle Charlie und Ahmed im gemeinsamen Kampf gegen Fundamentalismus und Terror.