Der Geistschreiber
Ökologischer tot sein

Der Geistschreiber über den Werdegang eines modernen Leichnams. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Willi Näf
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Die Allermeisten lassen ihren Leichnam entweder verbrennen oder vergraben. Prickelnd ist das nicht. Unkompliziert auch nicht.

Die Allermeisten lassen ihren Leichnam entweder verbrennen oder vergraben. Prickelnd ist das nicht. Unkompliziert auch nicht.

Martin Töngi

Leben ist gefährlich. Lebensgefährlich. Manchmal endet es tödlich. Oft sogar meistens. Und immer liegt ein Odem von Vergänglichkeit in der Luft, morgens vor dem Zähneputzen. Man sieht den Kerl im Spiegel und brütet sofort über die Methoden der Bestattung.

Als erstes denkt man an die Mumifizierung und Lagerung in Grüften, Schreinen und Katakomben. Ist etwas ausser Mode geraten. Genauso wie Seebestattungen, obwohl man vom Seealpsee aus freie Sicht auf den Säntis hätte. Zu erwähnen ist die kryonische Konservierung: Da geht man nicht heim, sondern harrt beinhart tiefgefroren im Stickstoff auf bessere Zeiten. Ein Notgenerator beim Kühlraum verhindert unterwünschtes Tauwetter nach einem Stromausfall. Und wer nach seinem Tod endlich zeigen will, was ihn ihm steckt, geht als Plastinat in Gunther von Hagens Ausstellung «Körperwelten» auf Tournee.

Die Allermeisten aber lassen ihren Leichnam entweder verbrennen oder vergraben. Prickelnd ist das nicht. Unkompliziert auch nicht. Die Erde braucht nämlich 20, 30 Jahre, um einen Leichnam zu Humus zu verarbeiten, und Herzschrittmacher sowie Zahnfüllungen aus Quecksilber vergiften dann das Gelände. Die Kremation ist ökologisch ebenfalls semidiskutabel. 800 Grad Celcius, 60 Minuten, 20 kg Heizöl, 500 Gramm Aktivkohle. Wir bestehen zu zwei Dritteln aus Wasser, tot sind wir nicht sehr feurig.

Mega modern ist die Promession. Da wird der Leichnam bei minus 196 Grad schockgefroren, so dass er brüchig wird wie Glas, und dann in einer Vibrationskammer mitsamt Schallwellen geschüttelt, bis er zerbröselt. Nichts Neues eigentlich; dass die Kombination von Schall und Schütteln zu Zerfallserscheinungen führt, weiss man seit AC/DC.

Nach der Zitterpartie in der Vibrationskammer bleibt ein organisches Granulat übrig, aus dem ein gescheites Maschineli die giftigen Herzschrittmacher und ähnlichen Kram heraus detektiert. Die schwedische Promoterin der Promession hat bereits drei liebe alte Hauskatzen nach ihrem Ableben schallgeschüttelt. Ihr Granulat vergrub sie in Kisten aus Maisstärke 35 cm tief im Garten. Schon ein Jahr später war es zu Erde geworden und die Moleküle der Büsis zu Magnolien.

Zuerst fand ich die Vorstellung absurd. Die spirituellen und die ökologischen Aspekte des Sterbens sind zwar nicht mal bei naturverbundenen Appenzellern wie mir dermassen deckungsgleich wie beim modernen Urban Gardener der Neuzeit, aber konkurrenzieren tun sie sich ja nicht zwingend. Ein unabhängige Seele beschäftigt sich nach dem Ableben wohl nicht mehr sonderlich mit ihrem früheren Domizil. Der Magnolie ist es sicher auch wurscht, ob sie auf Asche oder Granulat spriesst. Wenn also gefrieren ökologischer ist als verbrennen, warum nicht auf dem Friedhof Hörnli neben dem Krematorium ein hübsches Promatorium hinstellen? Alles nur eine Frage von Imagination und Gewöhnung.

Mir dann bitte keine Magnolie auf's Granulat, sondern eine Buche. Nach zwanzig Jahren bitte ich um schonendes Abholzen. Aus mir gibt’s einen prima Balken für das Geländer der Gartenwirtschaft am Seealpsee. Mit See- und Säntisblick.

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