Persönlich
Pädagogik für (taube) Profis

Michael Nittnaus
Michael Nittnaus
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«Ach, das ist nur eine Phase»

«Ach, das ist nur eine Phase»

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Mein Ältester ist jetzt drei. Drei Jahre hatte er also Zeit, von einem Dezibelgrenzen pulverisierenden Neugeborenen zum eloquenten Gesprächspartner heranzureifen. Und tatsächlich beherrscht er die Kunst des gehobenen Parlierens ausgezeichnet. Er benennt spielend ein Dutzend Traktormarken von Fendt bis Massey Ferguson, verbindet komplexe Haupt- und Nebensätze und zitiert auswendig Rilkes Wintergedicht («Santi Niggi Näggi ...»).

Doch dann gibt es auch Tage, an denen sich dieser kleine Kopf bewusst oder unbewusst entscheidet, die Zeit zurückzudrehen und wieder zum schreienden Wesen ohne Sprache zu werden. Letztens etwa besuchte ich mit ihm in der Bibliothek Binningen einen Verslimorgen. Bestens gelaunt machten wir uns danach auf den Heimweg. Wobei: Mein Sohn schaffte es bloss bis zum Hauptausgang der Bibliothek. Die Türe öffnet und schliesst automatisch, sobald man daran zieht oder stösst.

Dass er den Öffnungsvorgang nicht selbst stoppen konnte, schien ihn derart zu irritieren, dass er begann, wild an der Türe herumzureissen, sich daran festzuklammern und sich in einen regelrechten Schreikrampf hineinzusteigern. Jeder meiner Versuche, ihn zu beschwichtigen, führte zu noch mehr Rage. Ich konnte nichts tun, ausser etwas verlegen lächelnd daneben zu stehen. Da kam die Kleinkinderzieherin und Leseanimatorin des Verslimorgens die Treppe hinunter. Hoffnung keimte in mir auf. «Ach, das ist nur eine Phase», sagte sie und ging einfach weiter. Die endgültige Ernüchterung für jeden Familienvater kam jedoch ganz zuletzt: Nach sicher 15 Minuten Dauersirene an der Robo-Türe bog die Mama um die Ecke – und unser Sohn fand von einer Sekunde auf die andere sowohl Fassung wie Sprache wieder.