Persönlich
Rabe nervt Landeier

Einst gehörte Tierkot zum Alltag auf dem Land. Heute kann schon ein Rabe für rote Köpfe sorgen.

Andreas Hirsbrunner
Andreas Hirsbrunner
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Von wegen "Vogelhirn": Rabenvögel sind genauso schlau wie Menschenaffen. (Archiv)

Von wegen "Vogelhirn": Rabenvögel sind genauso schlau wie Menschenaffen. (Archiv)

KEYSTONE/AP GREAT FALLS TRIBUNE/Robin Loznak

Ich bin ein Landei. Als solches dachte ich, dass es auf dem Land Toleranz gegenüber den Launen der Natur gibt. Aber Abraxas belehrte mich eines Besseren.

Abraxas ist ein Rabe, genauer eine Rabenkrähe. Er trat Anfang Mai als kleines, hilfloses Geschöpf auf einem Feld weitab jedes Rabennestes in mein Leben. Was tun? Liegen lassen? Nein, zu brutal, da der sichere Tod. In die Vogelpflegestation bringen? Nicht möglich, die nehmen keine Raben auf. Heimnehmen? Ja, in Ermangelung von Alternativen.

Ich war zwar ziemlich sicher, dass Abraxas die erste Nacht nicht überlebt. Aber er hat alle Nächte und Tage bis heute überlebt. Und das durchaus mit Ähnlichkeiten zu unseren Kindern, nur im Schnellzugstempo. Zuerst als nur essendes und schlafendes Geschöpf. Dann als kleiner Vogel, der unsicher, aber neugierig die nahe Welt entdeckt. Dann mutiger mit den ersten, ungelenken Flugversuchen, dann pubertär mit frechen Einlagen und zusehends längeren Ausflügen. Dabei sorgte er, wie es sich für einen Pubertierenden gehört, in der Nachbarschaft für Freude und Ärger, wenn er etwa Erdbeeren stibitzte.

Etwas konnte er aber trotz aller Gelehrigkeit nicht checken – dass es Tolerante und Engstirnige gibt. So verteilte er seinen Kot flächendeckend, und es kam, wie es kommen musste. Einer der zweiten Kategorie – notabene Besitzer fremdkackender Katzen – reklamierte, und das, wie es bei Landeiern oft üblich ist, indirekt.

Wir wussten, dass es nun für Abraxas gefährlich wurde. Also mutierte er kurzfristig zum Zugvogel und lebt heute auf einem abgelegenen Hof fern aller Engstirnigen. Uns fehlt er seither. Vielleicht sind wir mittlerweile atypische Landeier.