Gastkommentar
Schulpflicht abschaffen – Schulrecht einführen

Ein Gastkommentar zu den Konsequenzen der Therwiler Händedruck-Affäre.

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Die Autorin fordert einen Perspektivenwechsel.

Die Autorin fordert einen Perspektivenwechsel.

Vor einem Jahrzehnt habe ich in der bz darauf hingewiesen, dass die Frage von Rechten und Pflichten in der Schule einen Perspektivenwechsel braucht und dass die Institution Schule als Ganzes in unserer Gesellschaft neu positioniert werden muss. In Schulkreisen fanden diese Überlegungen damals ein positives Echo, auf politischer Ebene jedoch waren sie kein Thema.

Das hat sich mit der Therwiler Händedruck-Affäre geändert. Rechte und Pflichten in der Schule werden heute auch in der Politik diskutiert. FDP-Landrat Marc Schinzel betonte in der bz vom 1. Juli: «Wichtig ist, dass wir deutlicher machen, dass es nicht nur Rechte und Ansprüche, sondern auch Pflichten gibt.»

Ulrike Pittner Die Autorin ist pensionierte Lehrerin und Autorin. Neben der Lehrtätigkeit auf allen Schulstufen arbeitete sie als Referentin für Bildungsfragen und als Genderbeauftrage bei Lehrplanarbeiten. Pittner lebt in Therwil.

Ulrike Pittner Die Autorin ist pensionierte Lehrerin und Autorin. Neben der Lehrtätigkeit auf allen Schulstufen arbeitete sie als Referentin für Bildungsfragen und als Genderbeauftrage bei Lehrplanarbeiten. Pittner lebt in Therwil.

zvg

Einverstanden. Und noch deutlicher sollten wir einen Perspektivenwechsel anstreben, der die Schulpflicht aus einer neuen Optik betrachtet. Dass Jugendliche mit aufgeblähtem Ego eine verzerrte Selbstwahrnehmung und ein Rechtsempfinden haben, das jenseits von jedem Pflichtenverständnis angesiedelt ist, hängt damit zusammen, dass es eine Schulpflicht gibt. Wenn Jugendliche zur Schule gehen, haben sie automatisch diese Pflicht erfüllt und verlangen folglich – oft unterstützt von ihren Eltern – nach Rechten.

Hier stimmt etwas nicht. Die Einführung der Schulpflicht war ursprünglich eine sinnvolle kulturelle Errungenschaft. Doch in der heutigen Zeit und angesichts dessen, was sich punkto Disziplinlosigkeit in unseren Schulen abspielt, sind Fragezeichen zu setzen hinter eine Institution, deren Besuch für unsere Nachkommen zu einer Pflicht geworden ist.

Denn warum sollen sich Jugendliche, die zum Schulbesuch verpflichtet sind und diese Pflicht erfüllen, anstrengen, diszipliniertes Verhalten an den Tag zu legen? Es ist für sie doch viel spannender, die Institution, in der sie sich zwangsweise aufhalten, permanent herauszufordern und sie so in ihrem Zwangscharakter ad absurdum zu führen.

Deshalb sehe ich die Zeit gekommen, über die Abschaffung der Schulpflicht und über die Einführung eines Schulrechts für Schülerinnen und Schüler nachzudenken – zumindest auf der Sekundarstufe I. Dieses Recht wäre an Pflichten geknüpft. Allein mit dem Besuch einer Schule würde keine Pflicht mehr erfüllt.

Vielmehr würde ein Recht in Anspruch genommen, das es sich zu verdienen gilt, zum Beispiel durch diszipliniertes Verhalten und durch das Einhalten von Klassen- und Schulordnungen sowie durch Respekt vor Lehrpersonen.

Wenn die Pflichten klar deklariert sind und wenn mangelnde Pflichterfüllung zu dem Entzug des Rechts auf Schule führt, dann haben Jugendliche die Möglichkeit, lebenspraktische Eigenverantwortung zu entwickeln. Die Empörung über Disziplinar-Massnahmen bräuchte sich nicht mehr gegen Lehrpersonen und die Schule zu richten.

Denn es wäre von vornherein klar, dass es Schülerinnen und Schüler selbst sind, die eine Entscheidung treffen für oder gegen ein bestimmtes Verhalten und damit eine Entscheidung für oder gegen die Beschneidung ihrer Rechte in der Schule und sogar für oder gegen ihr Recht auf Schulbesuch.

Die aktuelle Rechte-Haben-Mentalität unserer Gesellschaft produziert eine merkwürdige Scheu, Menschen Rechte zu entziehen, die bewusst mit deren Missbrauch spielen. Deshalb wäre nicht nur in der Schule, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen ein Perspektivenwechsel in der Debatte um Rechte und Pflichten dringend nötig.