Der Landbasler
Sie waren mehr und doch zu wenig

Der Landbasler wirft ein scharfes Auge auf die Herweghs. Zum Autor: Thomas Schweizer ist ein ehemaliger Lehrer am Basler Gymnasium Bäumlihof und heute als Buchautor und Literat tätig. Er lebt in Füllinsdorf.

Thomas Schweizer
Thomas Schweizer
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Das Ehepaar Herwegh

Das Ehepaar Herwegh

Dichtermuseum Liestal

War Georg Herwegh nur die «eiserne Lerche» oder ein «demokratscher Bänkelsänger», wie sich Heinrich Heine und Richard Wagner über ihn mokiert hatten? War seine Frau Emma nur eine Salondame mit revolutionärer Vergangenheit? Beide waren natürlich mehr und doch zu wenig, um in Deutschland nicht in Vergessenheit geraten zu sein. Anders in Liestal. Ihr Nachlass bildete die Grundlage für das Dichter- und Stadtmuseum, das nach wie vor eine exzellente Herwegh-Forschungsstätte für interessierte Germanisten und Historiker bleibt.

Beide sind vor 200 Jahren geboren, im gleichen Mai 1817. Viel Gedenkfeierliches haben wir also in den letzten Wochen in Liestal erlebt. Stuttgart, die Heimatstadt Georg Herweghs, lud zu einem kleinen Festakt ein, und der «Spiegel» berichtete in einem dreiseitigen Artikel über das Besondere dieses illustren Paares.

Ihr Leben liest sich wie ein Abenteuerroman zwischen grosser Liebe und noch grösseren revolutionären Idealen. Herweghs «Gedichte eines Lebendigen» triefen von hohem, oft hohlem Pathos, was Emma gefallen haben musste. Es war ein Leben zwischen Treue und Fremdgehen, Begegnungen mit Anarchisten (Bakunin), Dichterfürsten (Victor Hugo) und Arbeiterführern (Lassalle), später umflort von Tragik und geprägt von grosser Armut Emmas in Paris. Begraben sind aber beide in «freier, republikanischer Erde», auf dem Friedhof Liestal. Sie passen also gut zur Landschaft Basels, dessen Bevölkerung sich ihre Unabhängigkeit auch durch aufmüpfige Taten gegen die verknöcherte Basler Obrigkeit, gegen konservative Zünfte und Uni-Professoren erkämpfen musste.

Die Trennungswirren von 1830/1833 werden die Herweghs nicht mitbekommen haben, aber später erfuhren sie zweifellos vom neuen, liberalen, flüchtlingsfreundlichen, wenn auch immer noch mausarmen Kanton Baselland. Voller Willen zur Tat erwiesen sich dann die beiden, als sie 1848 vom Freiheitsdrang ergriffen wurden und mit der kampfuntauglichen Deutschen Demokratischen Legion aus Paris den südbadischen Aufständischen zu Hilfe eilen wollten. Nur kamen sie zu spät, und im verrauchenden Pulverdampf gelang es dem Paar mit knapper Not, sich über den Rhein in die Schweiz zu retten.

Ein Unikum stellt die Herwegh-Gedenkstätte dar. Sie befindet sich nicht in Stuttgart, sondern in Liestal und mag deshalb unscheinbar wirken, weil sie zwar an zentralster Lage steht, aber von den Tausenden von täglichen Passanten nicht beachtet wird. Vielleicht gerade darum ist es das bestgepflegte Denkmal von ganz Liestal. Nun ergänzt seit Kurzem eine sehr gut gemachte und übersichtliche Info-Stele Herweghs Stein und die schönen Blumenrabatten ringsherum. Damit wird die Anlage sinnvoll aufgewertet. Ich ziehe den Hut. Doch als Liebhaber der Künste denke ich betrübt, dass solch attraktive Tafeln längst auch bei andern Denkmälern mit Kunstwerken von grossen Baselbieter Künstlern angebracht wären. Aber natürlich werden nicht alle Liestaler zum Stadtheiligen oder zur Schutzpatronin wie die hier verehrten Herweghs.