Gastkommentar
Sorry, Eure Sexismus-Debatte ist mir zu heterosexuell

Gastkommentar zu #metoo und #menaretrash. Der Autor ist soziokulturell engagiert in Basel und Zürich und hat 2005 die NGO GayBasel gegründet.

Johannes Sieber
Johannes Sieber
Drucken
Teilen
«Einmal mehr dominiert die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft einen Diskurs und kommt nicht vom Fleck.»

«Einmal mehr dominiert die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft einen Diskurs und kommt nicht vom Fleck.»

Martin Toengi

Wo immer Gewalt von Männern an Frauen les-, hör- und sichtbar gemacht wird, beklagen sich Männer über Verallgemeinerung: Mann würde mit Gewalttätern in einen Topf geworfen. Einige vermissen in der Diskussion den Hinweis auf die Gewalt von Frauen oder die Gewalt an Männern – und liefern diese nach. Dieser Einwand wird als «Whataboutism» zurückgewiesen. Als Ablenkung von unliebsamer Kritik durch Hinweise auf ähnliche oder andere wirkliche oder vermeintliche Missstände. Es ginge hier und jetzt um die Gewalt an Frauen. Nur dieser Fokus würde erlauben, das Thema zu vertiefen und dem Problem auf den Grund zu gehen. Und überhaupt müssten Männer es aushalten können, dass sich die Welt für einmal nicht um sie dreht.

Die Debatte ist für Männer unbefriedigend. Einerseits wird die Teilnahme an der Diskussion zwar erwartet, etwas Nützliches beitragen ist aber schwierig: Kritik scheint unerwünscht, Zugeständnisse wirken scheinheilig, Geloben von Besserung ist heuchlerisch – wenn nicht gewusst wie.

Was Mann verstehen muss: Der reklamierte Fokus auf die Gewalt an Frauen und die latent mitschwingende Verallgemeinerung in Begriffen wie «toxic mas-culinity» oder «Männlichkeitsnormen» ist keine Umkehrung von Sexismus, wie viele Männer das empfinden mögen, sondern das Resultat einer erfolgreichen Politik. Einer Politik, die sich nicht erst seit gestern für eine geschlechtergerechte Welt einsetzt: unter anderem für gleiche Rechte, für gleichen Lohn, gegen Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts und: gegen Gewalt an Frauen. Zurecht!

Doch darum diskutierten wir schon unter den Hashtags #schweizeraufschrei und #metoo nicht eigentlich die Gewalt und den sexuellen Übergriff an und für sich, sondern sexualisierte Gewalt als Ausdruck des gesellschaftlichen Machtgefälles zwischen Mann und Frau. Die Befürchtung, der Hinweis auf Gewalt an Männern oder weibliche Täterschaft würde dieses Machtgefälle relativieren, ist berechtigt. Spätestens aber mit dem Hashtag #menaretrash wurde deutlich: Der Diskurs ist in der Mann/Frau-Polarität festgefahren.

Mir ist diese Debatte – sorry – zu heterosexuell. Einmal mehr dominiert die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft einen Diskurs und kommt nicht vom Fleck. Dabei ist augenscheinlich, dass die Gewalt von Männern an Frauen dieselbe Ursache hat wie die Gewalt an vermeintlich schwächeren Männern, an Schwulen, an Transgender und an anderen Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen dazu eignen, missbraucht zu werden. Und ja, darunter sind auch ganz normale Männer. Vor allem aber existieren auch innerhalb nicht-heterosexueller (Mikro)-Kosmen Machtgefälle und Missbrauch: in gleichgeschlechtlichen Beziehungen, in polyamoren Konstrukten, in kirchlichen oder anderen gesellschaftlichen Gemeinschaften, vom weiten Feld ‹der Wirtschaft› ganz zu schweigen.

Darum: Wenn Sie sich das nächste Mal über Gewalt und Missbrauch streiten oder darüber diskutieren, tun Sie sich den Gefallen und klären Sie, ob Sie gerade ein Machtgefälle erörtern oder dem Machtmissbrauch in eben diesem Gefälle auf den Grund gehen möchten. Es hängt zusammen, ist aber nicht dasselbe.

Aktuelle Nachrichten