Sterbehilfe
Sterben gehört zum Leben

Geht es um die grösste aller Selbstverständlichkeiten im Leben, den Tod, üben wir uns bis fast zum letzten Atemzug in Selbstbetrug. Kein Wunder, wollen wir nicht, dass in unserer Umgebung gestorben wird.

David Sieber
David Sieber
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Den Tod will man nicht zu nah bei sich wissen. (Symbolbild)

Den Tod will man nicht zu nah bei sich wissen. (Symbolbild)

Oliver Menge

Aus den Augen, aus dem Sinn. So einfach machen wir Menschen uns das Leben manchmal. Wir freuen uns auf Ferien am Mittelmeer, ohne auch nur einen Gedanken an die vielen tausend Flüchtlinge zu verschwenden, die in diesen Fluten ihr Leben liessen. Wir polieren unsere Gartenzwerge, freuen uns an den Geranien und wehren uns gegen das geplante Asylheim in der Nachbarschaft. Dass derzeit weltweit fast 65 Millionen hilfsbedürftige Menschen — so viele wie noch nie — auf der Flucht sind, blenden wir aus. Wir lassen die Unbilden dieser Welt nicht an uns ran.

Und wenn es um die grösste aller Selbstverständlichkeiten geht, den Tod, üben wir uns bis fast zum letzten Atemzug in Selbstbetrug. Kein Wunder, wollen wir nicht, dass in unserer Umgebung gestorben wird. Wir haben zwar vielleicht Verständnis für einen Todkranken, der seine Leidenszeit beenden will. Wir begrüssen es vielleicht auch, dass es Menschen und Organisationen gibt, die ihm dabei helfen. Aber wir wollen damit nichts zu tun haben. Gar nichts.

Erika Preisig kann ein Lied davon singen. Nach langem Suchen ist sie nun in Liestal fündig geworden und kann ihr Sterbehilfezimmer weiterführen. Zumindest die örtlichen Behörden scheinen aufgeschlossener zu sein als die ehemaligen Nachbarn in Basel, die Preisig wegen dieser «ideellen Immission», wie das in schönstem Amtsdeutsch heisst, aus ihrem Quartier verjagt haben. Für sie, wie auch für jene Binninger Einwohner, welche eine Exit-Einrichtung bekämpften, geht das ideale Leben weiter. Der Tod ist nun ausgelagert. In eine Gewerbezone. Wir Menschen finden immer eine Lösung.