Analyse
Verdichtung ist nicht einfach nur des Teufels

«Das Prinzip Verdichtung funktioniert in Paris und Rom nicht viel anders als in Basel oder Arlesheim.» Analyse zu den Chancen, die bei Grossprojekten oft übersehen werden.

Michel Ecklin
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Aktuelles Beispiel: In Oberwil möchte der Gemeinderat mit Eisweiher Plus das Ortszentrum mit einem neuen Wohnquartier und einem öffentlichen Park verstädtern.

Aktuelles Beispiel: In Oberwil möchte der Gemeinderat mit Eisweiher Plus das Ortszentrum mit einem neuen Wohnquartier und einem öffentlichen Park verstädtern.

zVg (Gemeinde Oberwil)

Den Satz sagen Gemeindepräsidenten an Gemeindeversammlungen gerne, wenn sie ihren Bürgern ins Gewissen reden wollen: «Sie haben doch damals das eidgenössische Raumplanungsgesetz angenommen.» Tatsächlich fiel es den Stimmbürgern 2013 leicht, sich für einen sorgfältigen Umgang mit dem Boden auszusprechen, und damit auch für Verdichtung. Doch die weisesten Worte von Gemeindepräsidenten bewirken wenig, wenn plötzlich vor der eigenen Haustüre ein grösseres Bauprojekt ansteht, das einen koordinierten, grösseren Entwicklungsschritt hin zu mehr Verdichtung vorsieht.

Aktuelles Beispiel: In Oberwil möchte der Gemeinderat mit Eisweiher Plus das Ortszentrum mit einem neuen Wohnquartier und einem öffentlichen Park verstädtern. Vor der Referendumsabstimmung in zehn Tagen tauchen spontan die Argumente auf, die man auch von anderen Verdichtungsprojekten kennt: Es werde zu hoch, zu dicht, zu eng gebaut, heisst es bald, es entstünden wieder mal unbewohnbare Küngeliställe und natürlich Mehrverkehr. Manche verdächtigen den Gemeinderat, er wolle sich doch nur ein Denkmal setzen – und wieso können wir nicht einfach ein überschaubares Dorf bleiben?

Dabei übersehen manche Kritiker, dass Verdichtung etwas schaffen kann, wonach sie sich vielleicht selber sehnen: Ein wiedererkennbares Gesicht für ihren Wohnort. Macht man sich im Unterbaselbiet auf die Suche nach den Plätzen, die Charakter haben und die Identität der Bewohner prägen, merkt man rasch: Die locker bebauten Gebiete bieten wenig. Viel prägender sind dagegen die Ortskerne, etwa in Pratteln oder Allschwil, die meist enger bebaut sind. Achten Sie darauf, wenn Sie das nächste mal an einem Postkarten-würdigen Ort sind, etwa im Muttenzer Ortskern. Da steht meist Haus an Haus, und falls es einen Dorfplatz gibt, ist er nicht gross. Was an solchen Orten Identität schafft, ist natürlich die historische Architektur – aber nicht nur. Es ist auch die klare Begrenzung des öffentlichen Raums, das Nebeneinander von Dichte und Freifläche. Man macht einen Schritt, und schon erlaubt einem die Architektur neue Einblicke.

Dieses Prinzip funktioniert in Paris und Rom nicht viel anders als in Basel oder Arlesheim. Angewendet werden soll es jetzt im Grossprojekt Eisweiher Plus. Der Park, der neben einer urbanen Wohnüberbauung entstehen soll, funktioniert nur dank ebendieser Überbauung, die ihr sozusagen einen Rahmen gibt. So soll Oberwil sein verlorenes Zentrum wieder erhalten. Selbstverständlich kann man über die Architektur und die konkrete Ausgestaltung des Quartiers (die bei Eisweiher Plus noch nicht bekannt sind) streiten – aber die Dichte wird niemanden kalt lassen.

Und ebenso problemlos kann man schlechte Beispiele für Verdichtung auflisten. In der bauwütigen Nachkriegszeit wurde viel enger Wohnraum mit viel ödem Leerraum darum herum erstellt. Gerade im Unterbaselbiet zeugen unzählige Bausünden davon. Doch dies auf heute zu projizieren, geht nicht auf. Denn die Architekten haben dazugelernt. Viele Menschen an einem Ort und Lebensqualität, das muss kein Widerspruch sein, im Gegenteil.

Trotzdem macht Verdichtung Angst. Und sicherlich gibt es vernünftige Gründe, gegen die jetzt geplante Umkrempelung des Oberwiler Ortskerns zu sein. Wer sein Einfamilienhäuschen liebt, den wird man nie dazu bewegen können , in einem verdichteten Ortskern zu wohnen. Doch einfach nur reflexartig Verdichtung abzulehnen, greift zu kurz. Neben dem naheliegendsten Argument – dem Schonen der Landreserven – ist enges Bauen, sorgfältig umgesetzt, ein wertvolles Instrument gegen die Verödung der Vororte.

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