PHILOSOPHICUM
Was ich nicht sehe, wenn ich sehe

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Nadine Reinert
Nadine Reinert
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Im aktuellen Philosophicum geht es um das was man nicht sieht, wenn man sieht.

Im aktuellen Philosophicum geht es um das was man nicht sieht, wenn man sieht.

Zur Verfügung gestellt

Vor einigen Tagen stiess ich auf eine Fotografie, die mich unmittelbar fesselte (sie stammt von Hugo Jaeggi). Ein langer, magerer Katzenkörper schwebt senkrecht über einem weissen Schneefeld. Hals und Kopf der Katze sind steif nach oben gerichtet, die rechte Pfote ist ausgestreckt, wie wenn sie nach einem Halt suchen würde. Um den Hals der Katze ist ein Seil, das an einem Baumast angemacht ist.

Jemand hat sie erhängt. Ich kann das Bild nicht auf den ersten Blick einordnen, obwohl es in seiner Darstellung unmissverständlich ist. Ich empfinde Entsetzen und zugleich Wut. Wer hat diese Katze getötet und warum hat er sie auf diese Weise umgebracht? Ich erinnere mich, dass man sich früher (vielleicht geschieht das sogar heute noch) der zu vielen Katzen auf dem Land entledigte, indem man sie ertränkte oder erschlug.

Doch warum wurde diese Katze ausgerechnet erhängt? Wie ein lebendig-totes Dokument, wie eine langgezogene Frage hängt sie da – hatte jemand eine perverse Freude daran, sie auf diesem Schneefeld «hinzurichten»? Das Bild geht mir nicht aus dem Kopf.

Einige Tage später erfahre ich, dass dieses Bild in Weissrussland in einem Dorf entstanden ist, das ebenfalls unter den Folgen der nuklearen Katastrophe von 1986 in Tschernobyl zu leiden hatte und von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern verlassen wurde. Ich stellte mir die eigenartige Ruhe vor, die an diesem Ort wohl geherrscht hatte. Mit diesem Wissen betrachtete ich das Bild nun mit einem neuen Blick. Meine Fragen wurden dadurch nicht weniger – im Gegenteil! –, doch es wurden andere Fragen. Vor dem Hintergrund dieser Katastrophe verstand ich es nicht mehr als Sinnbild der menschlichen Grausamkeit, sondern als ein Akt der Verzweiflung.

Vielleicht drückt sich darin jemandes Wunsch aus, sein geliebtes Tier vor einem langsamen Sterben zu bewahren, ihm gleichsam den Tod als Gnade zu schenken? Meine anfängliche Empörung und Wut gegenüber dem Täter verwandelten sich in Mitleid mit ihm. Dieser Moment der Veränderung des inneren Blicks auf die nach wie vor selbe Sache - und zwar allein aufgrund des neu dazugewonnenen Wissens – wurde für mich zu einem kleinen Schlüsselmoment, was unseren Zugang zur Welt generell angeht.

Denn werden wir nicht im Alltag mit unzähligen Aspekten der Welt konfrontiert, die uns, losgelöst aus ihrem grösseren Zusammenhang, über alle möglichen medialen Kanäle zugespielt werden? Und wir interpretieren sie schnell und ohne grosses Nachdenken.

Gerade im Zusammenspiel des Definierten – des Sichtbaren – und des Undefinierten – des nicht Sichtbaren – besteht das schöpferische Potenzial unseres Zugangs zur Welt. Zwar begegnet uns dieses Potenzial in der Welt selber, doch ergreifen und vollziehen müssen wir es selbst. Unsere Wahrnehmung eines Bildes ändert sich mit unserem Wissen über dessen Entstehung und den Kontext des von ihm Abgebildeten.

Aber sie ändert sich auch mit unserer eigenen Lebenssituation und unserem sich stets verändernden Wahrnehmungshorizont. Deshalb verändern Bilder nicht nur unseren Blick auf die Welt, sondern unser Blick auf die Welt verändert wiederum auch die Bilder, die wir uns von ihr machen.