Herzstück
Wir brauchen Erklär-Anlagen

«Im postfaktischen Zeitalter sind neue Journalismus-Formen nötig.» Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.

Martin Dürr
Martin Dürr
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Das Innere einer Kläranlage. (Archiv)

Das Innere einer Kläranlage. (Archiv)

Sandra Ardizzone

Wie oft haben Sie heute schon einen Wasserhahn geöffnet? Wie viele Liter mit verbrauchtem Wasser haben Sie durch Abflussrohre entsorgt? 25 000 Tonnen Klärschlamm entsorgt die Pro Rheno AG jedes Jahr, damit in Basel und Umgebung 30 Millionen Kubikmeter Schmutzwasser in sauberes Wasser verwandelt werden. Verteilt auf die Fläche des Kantons Basel-Stadt würde das Wasser überall 85 Zentimeter hoch stehen, schreibt die Pro Rheno AG. Ohne Kläranlagen würde es uns bald stinken – und wir wären alle krank. Das hat seinen Preis. 43 Menschen arbeiten intensiv und mit teuren Anlagen daran, dass wir ohne Nachdenken den Hahnen öffnen können, ohne Sorge das fliessende Wasser brauchen zum Trinken und zum Waschen. Wie wichtig diese Arbeit ist, merken wir selten. Aber ich kenne niemanden, der sagen würde: Kläranlagen brauchen wir nicht, das regelt sich irgendwie von alleine mit dem Wasser.

Ich sage: Wir brauchen nicht nur Kläranlagen. Täglich werden wir überflutet von Informationen. Immer mehr Menschen beziehen ihr Weltbild aus immer fragwürdigeren Quellen. «Post-faktisch» heisst das inzwischen tausendfach gehörte Wort. Im besten Fall meint es ungenau oder erfunden. Im schlechtesten Fall bedeutet es gelogen, manipuliert, hetzerisch. Die traditionellen Medien, besonders die öffentlich-rechtlichen, werden angegriffen und als Lügenpresse bezeichnet. Wenn dagegen irgendein Propaganda-Sender oder ein anonymer Blogger eine Behauptung in die Welt setzt, übernehmen das viele ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden. Inzwischen erlebe ich das sogar bei Menschen in meiner Umgebung, die ich für selbstständig und kritisch denkend hielt. Für manche scheint zu gelten: Je absurder eine Behauptung ist und je klarer die Argumente sind, mit denen sie widerlegt werden kann, desto wahrer muss sie sein. Da entsteht vor unseren Augen eine Welt, die ich beim Lesen von George Orwell’s «1984» und Aldous Huxleys «Schöne neue Welt» als Jugendlicher noch ganz interessant und unterhaltsam fand – aber für völlig übertrieben hielt. Heute sind wir schon lange weiter.

Wir brauchen darum dringend «Erklär-Anlagen»: Umfassende Bildung, die selbstständiges Recherchieren und Hinterfragen ermöglicht; Journalismus, der Behauptungen untersucht auf ihren Wahrheitsgehalt und belastbare Fakten einordnen hilft. Das kostet. Das kann es nicht gratis geben. Alles, was gratis daherkommt, wird uns am Ende einen hohen Preis abverlangen. Irgendwann werden wir in einer stinkenden, braunen Flut von Desinformationen waten und uns wundern, wie das geschehen konnte. Wie konnten wir nur glauben, dass sich das alles mit der Zeit von alleine regeln wird? Warum nehmen wir sauberes Wasser als selbstverständlich notwendig für ein gesundes Leben - und lassen uns den Kopf mit bösartigen, erlogenen Desinformationen vergiften? Wer entsorgt all den geistigen Sondermüll, der produziert wird? Zählen Sie mal, wie oft sie in den nächsten 24 Stunden einen Wasserhahn öffnen.