Persönlich
Wir sind alle Touristen und Touristiker

Früher gab es Reisende und Bereiste. Das ist heute anders. Wir alle sind zu Touristikern geworden.

Mathias Balzer
Mathias Balzer
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Das Hotel Post in Bivio.

Das Hotel Post in Bivio.

Keystone

Vittoria Lanz hat ihr ganzes Leben in Bivio am Julierpass in Graubünden verbracht. Sie war meine Urgrossmutter, zeitlebens verheiratet mit Rudolf Lanz, seines Zeichens Hotelier der altehrwürdigen «Post» am Ortsausgang. Von ihm wird erzählt, er sei ein umtriebiger Gastgeber gewesen. Er habe es geschafft, minutenlang mit einem Glas Wein auf dem Kopf zu tanzen. Die Seele des Betriebs sei jedoch seine Frau gewesen. Vom ersten Hahnenschrei bis zum letzten Gast wuselte sie durchs Haus und zog nebenbei ihre vier Kinder gross.

Vittoria und Rudolf waren Touristiker von altem Schrot und Korn. Sie verbrachten ihr Leben in diesem kleinen Passdorf. Die Welt machte bei ihnen auf dem Weg ins mondäne Oberengadin Halt. Damals gab es im Tourismus zwei Erfahrungswelten. Es gab Reisende und Bereiste.

Heute ist das anders. Heute sind wir alle Touristiker und Touristen. Touristen sind wir in den Ferien. Partielle Touristiker sind wir als Bewohner von Orten, die von immer mehr Reisenden besucht werden. Wenn wir uns also darüber ärgern, dass Touristen unsere Einkaufsstrassen verstopfen, so sind wir in derselben Situation wie die Einwohner Berlins oder Barcelonas, die unter den Touristenströmen, also uns, ächzen.

Reisen ist schön, bereist werden weniger. Die Welt wird, so viel können wir nach 150 Jahren Tourismus sagen, durch diesen zwar reicher, aber nicht besser. Urgrossmutter Vittoria ist zeitlebens nie gereist. Nicht einmal in Chur war sie. Sie hat nie einen Berg bestiegen, geschweige denn Sport gemacht. Mit 86 Jahren ist sie friedlich eingeschlafen. Sie sei zufrieden gewesen.

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