Gastkommentar
Wir wollen nicht «big» sondern «smart» sein

Gastkommentar zur digitalen Revolution und dem Umgang von grossen Datenmengen.

Christian Bosshard*
Christian Bosshard*
Drucken
Teilen
Die Forscher des CSEM arbeiten oft in Reinräumen, da viele Mikrotechnologien eine besonders reine Luftumgebung erfordern.

Die Forscher des CSEM arbeiten oft in Reinräumen, da viele Mikrotechnologien eine besonders reine Luftumgebung erfordern.

Wie so oft ist das jüngste Kind in der Familie vom Wunsch geprägt, sich von seinen älteren Geschwistern abzuheben. Während Big Data – die Analyse grosser Datenmengen – gross und stark ist, auch auf die Gefahr hin, manchmal etwas ungeschickt zu sein, ist Smart Data klein, dafür schlau und effizient. Wie das? Indem die Daten so nah wie möglich an ihrer Quelle, das heisst dezentral, verarbeitet werden, anstatt sie auf grosse externe Server zu konzentrieren.

Im Fachjargon spricht man vom «Edge Computing» (Arbeiten an der Peripherie) im Gegensatz zum berühmten «Cloud Computing». Wenn dieser neue Trend gut genutzt wird, könnte er ein wertvoller Verbündeter werden, um Ihre Daten zu filtern, zu sichern und Ihnen dabei zu helfen, Ihre Privatsphäre besser zu schützen. Doch seien wir ehrlich, der Schutz Ihrer Person ist nicht der Hauptzweck von Smart Data. Im Gegenteil, dieses Modell wurde entwickelt, um die Lebensfähigkeit seines grossen Bruders durch Optimierung zu sichern. Denn obwohl das Cloud Computing von Big Data immer breitere Akzeptanz findet, wird die damit verbundene Explosion der Datenmenge, die in einer hyperverbundenen Welt generiert wird, voraussichtlich nicht so leicht von den bestehenden Infrastrukturen absorbiert werden. Die gross angelegte, zentrale Datenverarbeitung kann also durchaus an ihre Grenzen stossen.

In der Tat, jenseits des Energiehungers der Rechenzentren laufen auch unsere Datenautobahnen und digitale Tresore Gefahr, stark überfüllt zu werden. Nach Angaben des amerikanischen Unternehmens Cisco sollen bis im Jahr 2020 50 Milliarden verbundene Geräte auf der Erde nebeneinander existieren. Die Firma prognostiziert ein exponentielles Wachstum bei intelligenten Geräten mit einer Billion Sensoren auf der Erde zwei Jahre später.

Dieser Wahnsinn hat einen Preis. Sie wollen die ersten Schritte ihres Babys mit Ihrer modernen Kamera festhalten? Eine kleine Aufzeichnungssekunde verschlingt bereits 3,5 Megabyte (1/20 CD). Wenn Sie überprüfen wollen, ob zwischen ihm und seinem Kindermädchen alles gut läuft, wird ein Überwachungstag 300 Gigabyte (35 DVDs) verschlingen. Kurzum, die für die Übertragung all dieser Daten benötigte Bandbreite könnte schnell wie der Gotthard-Tunnel an einem Samstag im Juli werden. Und die geplante Ankunft von 5G wird nicht ausreichen, um Engpässe zu reduzieren. So kann es häufig zu Diskrepanzen zwischen der Entstehung von Informationen, ihrer Verarbeitung und ihrer Verwertung kommen. Man denke nur an die autonomen Autos, um sich vorzustellen, wie entscheidend die Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit dieser Operationen sind.

Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, ist es daher oft sinnvoller und auch energetisch effizienter, die Datenverarbeitung direkt in dem aufzeichnenden Gerät oder Sensor durchzuführen. Indem nur die notwendigen Informationen in die Cloud geschickt werden, wird die Bandbreite geringer. Dabei wird hinter den Kulissen an der Optimierung des Energieverbrauchs gearbeitet mit dem Ziel, völlig autonome Datenverbindungen aufzubauen.

Auf dem Papier sieht es sehr einfach aus. Man kann sich aber vorstellen, dass die Kombination von Miniaturisierung, Energieeffizienz und «eingebetteter» künstlicher Intelligenz eine komplexe Herausforderung ist. Die gute Nachricht ist, dass Europa über starke Fähigkeiten verfügt, um in dieser Disziplin zu glänzen. Diese Gelegenheit ist einer Gruppe europäischer Industrieführer nicht entgangen, und so hat sie vor einigen Wochen ein Papier veröffentlicht, in dem sie die Europäische Kommission auffordert, die Bedeutung und das Interesse dieses Absatzmarktes für den alten Kontinent hervorzuheben. Und die Schweiz ist nicht zu überbieten: Dank ihrer traditionellen Kompetenz in der Uhrmacherei und den Präzisionsinstrumenten ist sie bestens gerüstet, um die Schnittstelle zwischen der realen und der digitalen Welt zu meistern. Die Beherrschung der Miniaturisierung und des geringen Energieverbrauchs geben ihr einen klaren Vorteil im Kampf in der «Big Data»-Arena dank «Smart Data».

Es wäre daher gut, wenn sich Europa – angefangen bei uns in der Schweiz – nicht nur als Vorreiter bei der Regulierung der Datennutzung, sondern auch sehr stark für diese technologische Entwicklung interessiert und sich als technologischer Vorreiter in diesem Bereich positionieren würde. Mit anderen Worten: Lassen wir andere gerne «gross» sein und lasst uns «klug» sein!

*Der Autor leitet in Muttenz den Baselbieter Standort des Forschungs- und Entwicklungszentrums CSEM. Der Familienvater lebt in Lausen.

Aktuelle Nachrichten