Der Geistschreiber
WM-Spuk, WM-Spuck, WM-Songs

Der Geistschreiber über Kollateralschäden einer Fussball-WM. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Willi Näf
Willi Näf
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«Mit der intellektuellen Brillanz ihrer Reime haben all die WM-Sänger den Literaturnobelpreis gleichermassen auf sicher wie Italien den WM-Titel.»

«Mit der intellektuellen Brillanz ihrer Reime haben all die WM-Sänger den Literaturnobelpreis gleichermassen auf sicher wie Italien den WM-Titel.»

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Ich habe in meinem Leben genau zwei Fussballmatches besucht. Weil man mich eingeladen hatte. Match eins im Joggeli: Wir gegen Brasilien. Wer gewonnen hat, weiss ich nicht mehr. Eher nicht wir. Match zwei auch im Joggeli: FCB gegen jemanden. Irgend ein mega wichtiges finales Spiel, ich weiss noch wie vorfreudig Karli Odermatt während der Vorspeise in der VIP-Loge uns die Strategien der Mannschaften erklärte. Die Gentlemen an meinem runden Tisch, die in fünf Minuten so viel verdienten wie ich in fünf Jahren, die simpelten das Fach begeistert. Hauptgang und Zigarre waren exquisit. Was getschuttet wurde, weiss ich nicht mehr. Ich habe von Fussball also nicht die leiseste Ahnung und bin somit prädestiniert, als WM-Experte freudig mitzudilettieren wie jeder Mann.

Hier also meine Erkenntnisse. Erstens: Kopfbälle zertrümmern Hirnzellen. Das merkt man bei Spielerinterviews. Zweitens: Sportreporter haben als Kinder Kopfball gespielt. Das merkt man auch bei Spielerinterviews. Drittens: Das Spucken auf den Rasen eignet sich für Wesen, die etwas von sich geben wollen, bei denen aber nichts Anständiges herauskommt. Also für Lamas und weitere Camelidae. Immerhin wirkt ein Gleitfilm aus 22 Sorten Schpeuz und Choder auf dem Rasen sturzoptimierend. So manche Schwalbe macht auf dem Fussballrasen Badeferien.

Noch mehr als Schmierschwalben fallen mir im Fernsehen und Radio die Teaser und Trailer auf, die Clips und Jingles, Intros und Extros. Kaum dass man sanft in einen wohltuenden Alltag abzusinken droht, reissen sie einen fürchterlich aufgeregt zurück ins Drama. 700 Mal pro Tag. Genauso die Spots der Ausrüster, Partner und Sponsoren. Wer zehn Mal täglich mit dem Spot des offiziellen WM-Durstlöschers geduscht wird, trinkt bis Ende Jahr Kamillentee. Und zwar keine super special limited Russian WM-Edition, sondern einen befreiend gewöhnlichen Kamillentee.

Das Höchste aber sind die WM-Songs. Von Textern, die als Kinder Kopfball spielten. Und von Sängern, bei denen nichts Anständiges herauskommt. Nonstop simple Akkorde und Beats, grosses Kino für die Darmreinigung. Mein Geheimtipp 2018: «Darauf tanzt ganz Deutschland» von Christian Anders. Nach seinem Hit «Es fährt ein Zug nach Nirgendwo» von 1972 hatte er unter dem Namen «Lanoo» als Esoterik-Guru so unglaublichen Erfolg, dass er nun, mit 73 wieder mehr oder weniger singt. «Ihr werdet sehn, wir schiessen Tore ohne Ende / unsere Spieler, das sind uns’re Helden / Hey hey hey / der Ball ist rund, das Tor ist eckig / unser Gegner, der versteckt sich».

Mit der intellektuellen Brillanz ihrer Reime haben all die WM-Sänger den Literaturnobelpreis gleichermassen auf sicher wie Putin den Friedensnobelpreis und Italien den WM-Titel. Zum Glück ist der Spuk Mitte Juli zu Ende, ab August kräht kein Hahn mehr danach, und ich kann das Temesta wieder absetzen. Bis dahin ein Danke ins Wallis für den Abschuss von Sion 2026. So, und jetzt stelle ich ab und gehe wandern, ins Baselbiet und in den Appenzeller Alpstein. Allen Fussballfans wünsche ich aufrichtig eine spannende WM.

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