Unsere kleine Stadt
Wohnungsbau ist der beste Mieterschutz

Unsere kleine Stadt und die «Gentrifizierung».

Daniel Wiener
Daniel Wiener
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«Die rasche Entwicklung der riesigen Transformationsareale mit günstigem, schönem Wohnen, ist der beste Mieterschutz.»

«Die rasche Entwicklung der riesigen Transformationsareale mit günstigem, schönem Wohnen, ist der beste Mieterschutz.»

Erich Meyer

Mit dem Unwort «Gentrifizierung» umschreiben Fachleute die Verdrängung von günstigem Wohnraum durch teure Renditeliegenschaften. Dieses Phänomen finden wir in allen Städten, die Quartiere aufwerten, zum Beispiel durch Kultureinrichtungen oder gute öV- und Velo-Erschliessung. Wo die Lebensqualität zunimmt, steigen auch die Mietpreise. Immer mehr Wohnungen werden aufwendig renoviert oder gar abgerissen und durch Luxusappartements ersetzt.

Das beste Schweizer Beispiel solcher Spekulation ist das Zürcher Seefeld, das sich in den vergangenen 20 Jahren vom günstigen Studentenviertel zum beinahe teuersten Pflaster der Stadt gewandelt hat. Die dortigen Medien haben für solche Verdrängung den Begriff «Seefeldisierung» geprägt. Dennoch sind Quartieraufwertungen sinnvoll. Aber die Behörden müssen Reichenghettos vorbeugen, indem sie die Entwicklung genau beobachten und rechtzeitig korrigierend eingreifen.

In Basel ist von diesem Phänomen am ehesten das Obere Kleinbasel bedroht, also das Wettsteinquartier. Noch ist die Bevölkerungszusammensetzung dort statistisch gesehen genau Basler Durchschnitt. Die Dynamik weist aber Richtung «Prenzlauerberg», um ein Beispiel aus Berlin zu nennen. Es ist eine zentrale Aufgabe der Stadtentwicklung, solche Kipplagen frühzeitig zu erkennen und Gegensteuer zu geben. Zum Beispiel, indem der Kanton an bestimmten Stellen mit sozialem Wohnungsbau gezielt in die Durchmischung investiert.

Im Juni kommen vier Mieterschutz-Initiativen zur Abstimmung. Von diesen möchte vor allem die «Wohnschutzinitiative» der «Gentrifizierung» entgegen wirken. Sie fordert Mietzinskontrollen nach Renovationen und die Bewilligungspflicht beim Abbruch und Umbau von bezahlbarem Wohnraum. «Wohnen ohne Angst vor Vertreibung» tönt gut und richtig. Es braucht staatliche Unterstützung für alle, die Schwierigkeiten haben, in einer sich wandelnden Stadt ein bezahlbares Zuhause zu finden.

Deshalb ist die Verfassungsinitiative «Recht auf Wohnen» sinnvoll, über die wir gleichzeitig mit der «Wohnschutzinitiative» an der Urne entscheiden.

Sie verpflichtet den Staat, dem Einzelnen in Not zu helfen. Die «Wohnschutzinitiative» löst jedoch die Probleme der Armen nicht, sondern verkompliziert nur flächendeckend das Investieren in einer Stadt, die dringend mehr Wohnungsbau benötigt.

Ebenso gravierend ist, dass sie Mieterinnen und Mieter förmlich an ihre Wohnungen fesselt. In meinem Bekanntenkreis leben viele Paare in zu grossen Wohnungen oder gar Häusern, nachdem die Kinder ausgeflogen sind. Sie schauen sich nach kleineren, praktischen Wohnungen um. Dabei stellen sie rasch fest, dass sie in der Regel für weniger Fläche mehr zahlen müssten. Ihr heutiger Zins ist verhältnismässig günstig, weil sie schon lange am gleichen Ort zur Miete sind. Dieser Mechanismus spitzt sich durch die Kontrollen der «Wohnschutzinitiative» weiter zu und führt zur Verschwendung von Wohnraum.

Viel schlauer ist es, die Chance zu packen, die sich unter den grossen Schweizer Städten in diesem Mass nur Basel bietet: Die rasche Entwicklung der riesigen Transformationsareale wie Lysbüchel, Klybeck oder Hafen mit günstigem, schönem Wohnen, ist der beste Mieterschutz. Weil sich dadurch der Wohnungsmarkt im grossen Stil entspannt.