Innensicht
Zurück in den Beruf – auch wenn der Partner aufmuckt

«Innensicht» wird betreut vom «Verband der PsychotherapeutInnen beider Basel», VPB (www.psychotherapie-bsbl.ch).

Susann Ziegler, Basel
Susann Ziegler, Basel
Merken
Drucken
Teilen
Wieder zurück in den Beruf, obwohl der Mann das nicht will? Die Antwort dürfte im 21. Jahrhundert klar sein.

Wieder zurück in den Beruf, obwohl der Mann das nicht will? Die Antwort dürfte im 21. Jahrhundert klar sein.

pixabay

Meine Kinder sind nun fünf und sieben Jahre alt, und ich habe in letzter Zeit grosse Lust, wieder meinem Beruf als Sekretärin nachzugehen. Als ich dies meinem Mann sagte, wurde er sehr ruhig, gab mir zu bedenken, das wäre den Kindern abträglich, und machte mir vor allem klar, dass er nicht die geringste Anstrengung unternehmen werde, mich dabei zu unterstützen. Nun plagt mich ein schlechtes Gewissen: Auch wenn ich nur Teilzeit wieder einsteige und alles gut organisiere – so ganz ohne Unterstützung stelle ich es mir schwierig vor. Ich bin sehr enttäuscht. Soll ich nun gegen seinen klaren Widerstand zur Arbeit oder unglücklich zu Hause bleiben?

___________

Sie sollen zur Arbeit – das dürfte im 21. Jahrhundert klar sein. Sie nehmen einen «klaren Widerstand» als gesetzt an, aber das möchte ich hinterfragen. Dazu später. Eigentlich ginge es in einer guten Ehe darum, dass sich die Partner bei der je eigenen Selbstverwirklichung unterstützen und am Weg des anderen wohlwollend-kritisch teilnehmen. Diese Idealforderung scheint bei Ihnen im Moment nicht erfüllt zu sein. Das gibts, sollte Sie aber nicht von Ihrem Ziel abbringen. Die Kinder werden immer älter, und sie entwickeln ihr eigenes Leben, genauso wie Ihr Mann sich im Beruf offensichtlich wohl fühlt und sich nicht bremsen lassen mag. Wie kommt es, dass Sie deswegen Ihre Wünsche infrage stellen? Sind Sie unsicher, zweifelnd wegen der Belastung, noch nicht ganz entschlossen? Diese Fragen mit sich selbst zu klären, hat Vorrang.

Danach geht es darum, den Widerstand Ihres Ehemannes zu verstehen, nicht aber, ihm nachzugeben. Sie waren nun mindestens sieben Jahre ganz verfügbar, machten Hintergrunddienst, versorgten die Familie, und er wurde zu Hause entlastet und erfüllte die Rolle des Ernährers. Nun steht eine Änderung an, und das erzeugt Angst und Verunsicherung: Die Bequemlichkeit wird geringer, ein Hemd bleibt ungebügelt, das Essen kommt manchmal aus dem Mikrowellengerät, die Kinder sind hin und wieder unbeaufsichtigt, manchmal fehlt es an Sauberkeit ... zudem werden Sie Geld verdienen und sich auch dadurch verselbstständigen. Sie bekommen wieder eigene Berufserfahrung, was diejenige Ihres Mannes relativiert. Wer also hört wem zu, wenn von der Arbeit berichtet wird, begeistert oder jammernd? Wird es Konkurrenz geben, wenn die gesellschaftlichen Rollen sich angleichen? Bedroht ihn das in seiner Potenz im weitesten Sinne?

Zudem ist zu bedenken, dass sich in einem Berufsumfeld neue Beziehungen ergeben, ArbeitskollegInnen eine neue Bedeutung bekommen und diejenige Ihres Mannes relativieren. Dies kann bedrohlich wirken, zurzeit vor allem in der Fantasie. Es geht beim Verstehen nicht darum, alle seine möglichen Ängste und Bedenken aus dem Wege zu räumen, das wäre nicht zu bewältigen, und Sie sollen auch nicht eine «Erlaubnis» erwirken. Blicken Sie eigenständig in die Zukunft und versuchen Sie, sich Ihrem Ziel anzunähern. Sie ahnen ja schon, dass Sie ganz viel alleine durchtragen müssen. Wenn Sie nach dem Entscheid und dem Wiedereinstieg wieder etwas Sicherheit gewonnen haben, kommen Sie kaum darum herum, auch grundsätzliche Fragen, Ansprüche und Wünsche an die Beziehung mit Ihrem Mann zu besprechen.

Wer weiss: Vielleicht zeigt sich nach dem ersten Schrecken und dank der realen Erfahrung sogar eine Entspannung. Den Wiedereinstieg in den Beruf würde ich aber nicht von vorneherein mit Beziehungsfragen vermischen, das würde das ganze Projekt für Sie beide noch belastender machen.