Kommentar
«Charlie Hebdo» ist nicht vorbei

Über fünf Jahre brauchte die französische Justiz, den Terroranschlag von 2015 gegen die «Charlie Hebdo»-Redaktion in Paris aufzuarbeiten. Doch auch wenn jetzt die Komplizen der drei toten Attentäter vor Gericht standen und verurteilt wurden, gelang es dem Prozess nicht, die Lage zu befrieden.

Stefan Brändle aus Paris
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Stefan Brändle

Stefan Brändle

Die Zäsur von 2015, die das «Charlie»-Attentat mit insgesamt 17 Opfern für Frankreich darstellte, ist keineswegs überwunden. Während sich französische Laizisten noch heute hinter den Slogan «Je suis Charlie» scharen, würde man in der zweiten und dritten Einwanderergeneration vergeblich Jugendliche suchen, die zu den Karikaturen halten.

Der Prozess hat diese Bruchlinien durch die französische Gesellschaft von neuem aktiviert. Und sie verlaufen nicht nur zwischen Rechten und Linken. Feministinnen wie Elisabeth Badinter kämpfen in Sachen Laizismus und Karikaturen auf der gleichen Seite wie etwa die Rechtspopulistin Marine Le Pen.

All die Differenzen gehen letztlich auf das Reizwort Islam zurück – und sie sind seit September nicht etwa befriedet, sondern neu entfacht worden. Das ist umso gravierender, als eigentlich alle Genannten das gleiche ­Inte­resse und den gleichen Feind haben – den Terror. Seine Komplizen sind zwar verurteilt; seine Draht­zieher können aber nur frohlocken, dass sie ihre Gegner in der zivilisierten Welt weiter gespalten haben.