Regionalwahlen
Frankreich im Griff der Front

Marine Le Pen setzt ihren Siegeszug fort. Im ersten Durchgang der Regionalwahlen hat ihr rechtsradikaler Front National (FN) am Sonntag rund 30 Prozent der Stimmen erzielt.

Stefan Brändle, Paris
Stefan Brändle, Paris
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Marine Le Pen setzt ihren Siegeszug fort.

Marine Le Pen setzt ihren Siegeszug fort.

Keystone

Nach den Terroranschlägen von Paris und aufgrund der Flüchtlingswelle in Europa erstaunt das niemanden mehr. Le Pen profitiert aber auch von der Schwäche ihrer Rivalen Nicolas Sarkozy und François Hollande, die zwar alles daransetzen, ins Élysée gewählt zu werden, aber einmal dort angelangt, die dringendsten Reformen auf die lange Bank geschoben haben. Deshalb ächzt Frankreich weiterhin unter einer ständig wachsenden Schulden- und Steuerlast, welche die Wirtschaft erdrosselt und ein Heer von Arbeitslosen produziert.

Von all dem profitiert der Front National. Geradezu paradox ist es, dass Le Pens Rezepte – Euro-Austritt und Franc-Abwertung, Grenzschliessung und Protektionismus – alles nur noch schlimmer machen würden. Der Vormarsch des «FN» ist deshalb auch für die Schweiz beunruhigend: Die Umsetzung seines Wirtschaftsprogramms würde das Nachbarland Frankreich und die ganze EU in eine schwere Rezession stürzen.

Noch ist Marine Le Pen aber nicht im Élysée. Wahlarithmetisch hat sie geringe Chancen, bei den Präsidentschaftswahlen 2017 eine Stimmenmehrheit von mehr als 50 Prozent zu erzielen. Aber auszuschliessen ist es seit den gestrigen Regionalwahlen nicht mehr. Dass ein von Populisten regiertes Frankreich zumindest denkbar wird, spricht Bände über die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise einer Nation, die sich einst als progressive Vorreiterin der Zivilisation sah.