De Schepper
Hubachers Stammtisch

Hut ab vor Helmut Hubacher. 88 Jahre jung ist er – und kein bisschen leise. Legt ein Buch über Blocher hin mit einem Titel – «Hubachers Blocher» –, der schon eine Kampfansage ist.

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Kolumnist Werner De Schepper

Kolumnist Werner De Schepper

Nordwestschweiz

Es ist «sein» Blocher, seine persönliche Bilanz. Auf knapp 200 Seiten ringt der Mann, der für die SP 34 Jahre im Nationalrat sass und 15 Jahre SP-Boss war, mit Blocher, dass es eine Lust ist zu lesen.

Hubacher nervt sich über Blocher, wenn er gebetsmühlenartig die Sozialdemokraten als nicht richtige Schweizer verleumdet. Nein, es ist mehr als nur ein Ärger. Schliesslich schreibt er das Buch über Blocher, obwohl seine Frau Gret von dieser Idee gar nicht angetan ist: «Mir hängt Blocher zum Hals raus», sagt sie, und Tochter Uschi will nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative «am liebsten den Pass deponieren» – so ärgert sie sich über Blocher. Und trotzdem hat Hubacher das Buch geschrieben. Mehr noch: Er hat es nach dem 9. Februar noch einmal komplett umgeschrieben.

Nicht, weil Blocher ihn einfach nervt. Sondern weil das, was Blocher macht, die Schweiz verändert. Nein, es ist mehr als Ärger, der bei Hubachers Blocher rauskommt: Besonders Blochers Satz «Die Linke hat sich nie für die Schweiz eingesetzt» kann und will Hubacher nicht stehen lassen. Man spürt mit jeder kantigen Zeile den verletzten Patriotismus Hubachers. Sein Spätwerk ist auch deshalb interessant, weil es eine Kampfschrift ist für die Konkordanz und das heutige Schweizer Regierungssystem – notabene von dem Mann, der selber nach der Nicht-Wahl von Lilian Uchtenhagen mit der SP zum Bundesrat rauswollte.

Hubacher gesteht: Es gibt nichts Schöneres, als mit Blocher auf dem Podium im «Bären» in den Ring zu steigen. «Das ist wie ein verbaler Boxkampf. Blocher greift ständig an, lässt sich kaum in die Defensive drängen. Er teilt hart aus und steckt auch ein. Das klaglos. Mit ihm geht es richtig biblisch zu: Auge um Auge, Zahn um Zahn.»

Es geht um die Lufthoheit über den Stammtisch. Zu Recht widmet Hubacher dem ein zentrales Kapitel. Diese Woche feiert Hubacher in Bern den 100. Geburtstag des Volkshauses. Früher hatte die SP im ganzen Land eigene Häuser, in denen die Volksvertreter ihre Reden halten mussten, in denen gebadet, geboxt und gebechert wurde. Die Lufthoheit über den Stammtisch des Arbeiters hatten die Roten. Heute gehen diese lieber in ein Gault-Millau-Restaurant und überlassen den Stammtisch Blocher. Verschämt nannten sie in den 80er-Jahren ihr Volkshaus plötzlich nobel und neutral «Hotel Bern» und nahmen ihm jegliche Farbe. Jetzt heisst es wieder Volkshaus. Und es wäre gut, wenn in der SP die Volksvertreter wieder wie Hubacher reden und schreiben könnten. Nämlich so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – aber erst nachdem sie gehört haben, wo der Schuh drückt. Zum Beispiel in der Ausländerfrage.