Kommentar
Privilegien: Macht die Kinos, Opern und Theater auf für Geimpfte!

Worum es bei der Diskussion um Privilegien für Immunisierte wirklich geht und warum wir nicht abwarten sollten, bis alle die Möglichkeit einer Impfung hatten.

Daniel Fuchs
Daniel Fuchs
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Geimpfte könnten ja weiterhin Maske tragen.

Geimpfte könnten ja weiterhin Maske tragen.

Bild: Gaetan Bally / Keystone

Was muss alles in den Impfnachweis? Darüber zerbricht sich die Politik den Kopf. Die Diskussion über einen Schutznachweis, in dem auch überstandene Covid-Erkrankungen oder kürzlich negativ ausgefallene Coronatests beglaubigt werden sollen, hat gerade erst begonnen.

Unterdessen sind Tausende, meist ältere Menschen bereits vollständig geimpft. Die Immunitätsrate steigt von Tag zu Tag. Und die Geimpften sitzen zu Hause, obwohl sie – und das zeigen Untersuchungen immer deutlicher – einen guten Impfschutz aufweisen, auch was das Übertragungs­risiko betrifft, das von ihnen ausgeht.

Was also spricht gegen einen Kinobesuch? Oder einen Gang in die Oper? Dass sie weiterhin geschlossen bleiben natürlich, sofern der ­Bundesrat sich am Freitag nicht zur Öffnung ­entscheidet. Dabei würde in der Oper und in manchen Kinos ein Publikum, in dem ausschliesslich Geimpfte sitzen, sich gar nicht gross vom üblichen Publikum unterscheiden.

Untersuchungen zeigen jedenfalls: Ältere Menschen, also die jetzt bereits Geimpften, machen einen grossen Teil des Stammpublikums solcher Kulturstätten aus. Besonders frappant ist das in Opernhäusern mit einem Anteil der Ü65-Jährigen im Publikum, der bald schon bei 60 Prozent liegen wird. Mit der steigenden Impfrate wird nun eine kritische Zahl erreicht, die für die Durchführung mancher Kulturanlässe nötig ist.

Eine Neid-Debatte wäre verkehrt

Schutzmassnahmen wie Masken, Abstand oder Contact Tracing gelten weiterhin. Was also spricht noch gegen eine Wiedereröffnung für Geimpfte? Der fehlende Schutz des noch nicht geimpften Personals? Beschränkt, denn ihr Ansteckungsrisiko wäre klein. Die Virusmutationen, gegen welche die Impfung möglicherweise weniger ausrichtet?

Ja, aber diese Unsicherheit wird uns noch lange beschäftigen. Und überhaupt: «Testen, testen, testen» gilt nicht ausschliesslich für Ungeimpfte. Früher besuchte man vor der Oper den Friseur, künftig geht man halt zum Coronatest. Was ist schon dabei.

Bleibt als Argument eine Art Solidarhaftung. Die Älteren sollen sich jetzt bitte schön auch solidarisch zeigen gegenüber den Jungen. Wenn schon Verzicht, dann von allen.

«Das kollektive Leiden wird so schon fast zu einem zwinglianisch geprägten Ideal der Entbehrung emporstilisiert.»

Schliesslich mussten die Jungen nun in einem Jahr Pandemie auf ihren Spass verzichten, notabene zum Schutz der Älteren, denen das Coronavirus stärker zusetzt. Und jetzt sollen die wegen der Impfung bereits privile­gierten Alten, gleich noch einmal privilegiert werden? Wie unfair!

Wenn schon Impfprivilegien, dann bitte erst, wenn alle Menschen in der Schweiz die Möglichkeit gehabt hätten, sich zu impfen, so das viel gehörte Argument. Nur ist es nicht zielführend. Künstlich die Nachfrage nach Kultur zu ersticken, erscheint in Zeiten von Staatszuschüssen in Milliardenhöhe und einer drohenden Verödung des gesellschaftlichen Lebens reichlich absurd. Darüber hinaus wäre vielen Kunst­schaffenden geholfen, ihr Werk stiesse endlich wieder einmal auf physisches Echo.

Zu einer heftigen Diskussion wird es ohnehin kommen

Öffnen jetzt die Kinos, Theater und Opern­häuser für die Geimpften, so birgt das zweifellos Konfliktpotenzial zwischen Jung und Alt. Auf Konflikte läuft es aber ohnehin hinaus, die Debatte um Privilegien für Immunisierte wird spätestens dann in aller Heftigkeit geführt werden, wenn sämtliche Menschen in der Schweiz die Möglichkeit einer Impfung gegen das Coronavirus erhalten haben.

Mit einer Öffnung jetzt wäre wenigstens ein Anfang im kleinen Rahmen möglich. Es böte sich so eine Art Laborsituation für später, wenn die grosse Masse die Impfung hinter sich hat. Mit der Dauer der Impfkampagne kommen immer mehr Immunisierte dazu. Die Diskri­minierung der Nichtgeimpften ist also von beschränkter Dauer. Sofern der Impfplan des Bundes aufgeht, sind im Sommer alle diejenigen geimpft, die das wollen.