Kommentar
Eine moralinsaure Debatte ohne Eigenwahrnehmung: Die Regenbogenfärberei von Westeuropa

Der Protest gegen die schwulenfeindliche Politik von Viktor Orbàn und die Uefa ist richtig – aber der Tatbeweis muss erst noch folgen.

Benjamin Rosch
Benjamin Rosch
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Im Moment wird sie hochgehalten: die Regenbogenfahne flattert europaweit. Doch in den Uefa-Protest reihen sich auch Heuchler ein.

Im Moment wird sie hochgehalten: die Regenbogenfahne flattert europaweit. Doch in den Uefa-Protest reihen sich auch Heuchler ein.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Die Europameisterschaft hat ihren politischen Nebenschauplatz gefunden, und es ist ein inte­ressanter. Ganz Westeuropa scheint geeint. Viktor Orbàn bietet die perfekte Angriffsfläche als osteuropäischer Despot. Er presst ein Gesetz durch, das nichts anderes ist als eine Attacke auf alle Menschen, die nicht nach dem traditionellen Familienmodell leben. Vom Aufklärungsunterricht in der Schule bis zu internationalen Werbespots gilt: Es gibt nur zwei Geschlechter und nur eine Sexualität. Und dies just während der EM 21 unter dem Motto «Living Diversity». Die Uefa verschliesst die Augen vor dem Widerspruch und verbietet stattdessen München, das Stadion in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen. Zu politisch sei das.

Der Aufschrei ist laut: Europaweit flattern die Regenbogenfahnen. Auf Social Media färben die unterschiedlichsten Menschen und Körperschaften ihre Profilbilder ein. In den berechtigten Protest reihen sich viele ein, denen man das Engagement nicht abkauft: Spitzenpolitiker von CDU und CSU etwa. Erst noch am Montag hatten die Parteien ihr 140-seitiges Programm veröffentlicht. Wörter wie «queer» oder «homosexuell» finden sich darin nicht. Die parteiinterne Organisation der Schwulen und Lesben kritisiert, die Union hätte ihre Vorschläge alle abgelehnt. Dieselben Muster bedienen Firmen wie etwa BMW. Einen Monat lang zeigte der Automobilkonzern Flagge – zumindest in jenen Ländern, in denen es gut ankam. In Russland etwa blieb das Logo unpolitisch farblos.

Die Kontroverse zieht noch weitere Kreise. Es ist noch keinen Monat her, da hat die Bundesregierung Verschärfungen der Richtlinien für Regenbogenfamilien beschlossen. Neu müssen gleichgeschlechtliche Paare, in die ein Kind geboren wird, zu einer Zwangsberatung. Gegen einen Änderungsantrag im Bundestag stimmte auch die Koalitionspartnerin, die SPD. Derweil nehmen in der Bundesrepublik gewalttätige Übergriffe auf LGBT-Menschen deutlich zu.

Haltung zeigen, wo es nicht wehtut? Das ginge ja noch. Die ohnehin schon moralinsaure Debatte hat einen bitteren Beigeschmack: Hinter dem Aktivismus versteckt sich eine Demonstration der ethischen Überlegenheit. Es lässt sich prima mit dem Finger auf andere Länder zeigen.

Aber die deutsche Doppelzüngigkeit anzuprangern, greift zu kurz. Es ist sehr interessant zu beobachten, dass die Protestwelle – wie so viele – auch in die Schweiz übergeschwappt ist. Die Organisation Rainbow Europe, unterstützt von der EU, vergleicht jedes Jahr die Rechte von Schwulen, Lesben, bi- und intersexuellen Menschen sowie Trans-Personen in allen Ländern Europas. Die Schweiz liegt auf Rang 22. Knapp hinter Bosnien-Herzegowina. Dass in der Schweiz gerade Fussballklubs wie aktuell der FC Basel oder die Young Boys ein Zeichen setzen gegen Diskriminierung, ist löblich. Es ändert aber wenig an der Tatsache, dass bis jetzt offenbar keine Struktur besteht, damit ein männlicher, aktiver Fussballprofi ganz selbstverständlich sagen könnte: Ich bin schwul. Spannend deshalb die Aktion des deutschen Magazins «11Freunde»: Das Heft drehte den Spiess kurzerhand um. 800 Spielerinnen und Spieler sicherten in einer Erklärung zu, dass sie ein Coming-out eines Mitspielers unterstützen und ihn gegen etwaige Anfeindungen unterstützen würden. Eine Aktion jenseits von Marketing.

Seit Montag ist der Abstimmungskampf für eine Ehe für alle lanciert. Das Ja-Komitee dürfte die aktuelle Regenbogen-Debatte genau verfolgen: Selten präsentierten sich mögliche Unterstützerinnen und Unterstützer so prominent wie jetzt. Wie heuchlerisch wäre es, wenn im nächsten Herbst die aktuelle Solidarität nicht in einen aktiven Abstimmungskampf fliessen würde. Man stelle sich nur vor, Fussballklubs und Firmen würden behaupten, man wolle sich nicht in eine politische Diskussion einschalten. Das wäre ja die gleiche Argumentation wie die der: Uefa.