Medienkolumne
Lebt es sich besser ohne Facebook?

Soziale Medien werden als asozial verschrien. Doch seit unser Autor kein Facebook mehr auf dem Handy hat, kümmert er sich weniger um seine Mitmenschen.

Raffael Schuppisser
Raffael Schuppisser
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Von sozialen Medien komme man fast nicht mehr los, heisst es. Sie würden wie Drogen wirken und süchtig machen. Nun, was mich angeht: Ich bin clean. Zumindest weg von Facebook. Wie ich das geschafft habe? Ich hab’ einfach vergessen, die App auf dem neuen Handy zu installieren.

Klar, die Dopaminströme mögen in jedem Hirn ein bisschen anders fliessen. Dennoch finde ich: Da wird übertrieben mit dem Drogenvergleich! So schlimm wie Heroin ist Facebook auf jeden Fall nicht. Der Kick war schon lange weg. Das ging wohl auch andern so. Der Gruppendruck auf jeden Fall war nicht mehr spürbar.

Apropos Gruppe: Soziale Medien, so heisst es, seien eigentlich asozial. Einerseits würden sie das soziale Verhalten in der Realität erschweren – weil sich jede und jeder nur noch dem Bildschirm statt seinem Gegenüber zuwendet. Andererseits sind ja, glaubt man den Kulturpessimisten, die sozialen Netzwerke total von Hass, Fake News und Drohungen überflutet.

Bin ich nun also ohne Facebook zu einem sozialeren Wesen geworden? Im Gegenteil: Ich vergesse meine Freunde zunehmend – nicht nur auf Facebook. Früher hat mich die App jeden Morgen erinnert, wer heute Geburtstag hat. Eine kurze Nachricht liess mich nicht nur als ein aufmerksamer Zeitgenosse erscheinen, sondern belebte auch die eine oder andere alte Freundschaft neu. Damit ist es nun vorbei: Ohne Facebook keine Geburtstagsgrüsse.

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