Protassewitsch-Interview
Lukaschenkos stummer Schrei

Gewalt sei nichts als ein stummer Schrei nach Liebe und Achtung, sagt man gemeinhin. Besonders viel Liebe scheint Alexander Lukaschenko derzeit zu brauchen. Da ihm jedoch international nur Verachtung entgegenschlägt, lässt er seine Wut umso heftiger an seinen Opfern aus.

Samuel Schumacher
Samuel Schumacher
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Der weissrussiche Präsident Alexander Lukaschenko bei einer Rede.16. August 2020

Der weissrussiche Präsident Alexander Lukaschenko bei einer Rede.
16. August 2020

AP / Keystone

Gewalt, sagt man gemeinhin, sei nichts als ein stummer Schrei nach Liebe und Achtung. Ganz besonders viel davon scheint der weissrussische Machthaber Alexander Lukaschenko derzeit zu brauchen. Und weil der Minsker Tyrann von niemandem (ausser Wladimir Putin) auch nur noch im Ansatz geachtet – geschweige denn geliebt – wird, prügelt er umso heftiger auf seine Opfer ein. Mehr als 400 politische Häftlinge darben in seinen Kerkern derzeit vor sich hin. Einen von ihnen stellte Lukaschenko am Donnerstag in ein besonders tragisches Licht: Der 26-jährige Journalist Roman Protassewitsch, den Lukaschenko nach der von ihm orchestrierten Flugzeugentführung am Flughafen Minsk verhaften liess, wurde zu einem gut anderthalbstündigen Interview mit dem Chef des weissrussischen Staatsfernsehens gezwungen.

In dem Gespräch gibt sich der offensichtlich gefolterte und unter extremem psychischem Druck stehende Oppositionelle geläutert, beschuldigt ausländische Regierungen, die Proteste in Weissrussland zu finanzieren, und sagt, er verstehe jetzt, dass Lukaschenko richtig handle und «jemand ist, der Eier aus Stahl hat». Kurz darauf vergräbt der Gepeinigte sein tränenverschmiertes Gesicht in seinen Händen. Die Spuren der Handschellen an seinen Handgelenken sind dabei deutlich zu erkennen.

Hat Protassewitsch den Weinkrampf nur vorgetäuscht, um seine geschundenen Hände in die Kamera halten und der Welt einen Beweis für seine Folterung zeigen zu können? Abgekauft hätte man ihm sein Lob auf Lukaschenko ohnehin nicht. Dass ein freiheitsliebender Mensch das Terrorregime in Minsk niemals aus freien Stücken loben würde, weiss die Welt auch so.