Optimist oder Pessimist?

Die Geschäftswelt sei zurzeit tief gespalten in Optimisten und Pessimisten, fiel dem britischen Magazin «Economist» auf. Die Optimisten sehen dank neuer Technologien, vor allem der Digitalisierung, für jedes Problem eine Lösung: Der Gründer der Elektroauto-Firma Tesla will in zehn Jahren Menschen auf den Mars schicken. Und der Softwareunternehmer Bill Gates, der Milliarden gegen Malaria und Aids investiert, glaubt, dass sich das Leben der Menschen in Entwicklungsländern in den nächsten 15 Jahren stärker verbessern wird als jemals zuvor in der Geschichte. Die Pessimisten erleben eine Welt des «jobless growth», eines Wachstums ohne neue Stellen, sie befürchten Massenarbeitslosigkeit und dass Europa in ein «schwarzes Loch der Deflation» fällt.

Patrik Müller
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Auch in der Schweiz weitet sich der Graben zwischen Optimisten und Pessimisten – vor allem seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative und dem Ende des Euro-Mindestkurses. Die Pessimisten berauschen sich an Untergangsszenarien: Für sie sind die bilateralen Verträge mit der EU klinisch tot, sie sehen die Massenabwanderung von Arbeitsplätzen voraus und den Kollaps der Export- und der Tourismusbranche. Die Optimisten leben auf einer Insel der Glückseligen, in einem Land mit rekordtiefer Arbeitslosigkeit, rekordhoher Kaufkraft, und sie erklären diese Segnungen auch und gerade mit der Unabhängigkeit von der EU mit ihren Schuldenbergen und ihrer Schwachwährung.
Die Welt und mit ihr die Schweiz sind widersprüchlich geworden, scheinbare Gesetzmässigkeiten ausser Kraft gesetzt. Fünfzehn Jahre ist es her, seit ich mein Wirtschaftsstudium abgeschlossen habe, aber vieles von dem, was wir damals als wissenschaftliche Gegebenheit vermittelt bekamen, gilt nicht mehr: Die Zentralbanken drucken Geld wie noch nie, längst müssten wir unter Inflation leiden, stattdessen herrscht Deflationsgefahr. Und das Internet hat die Produktivität gewaltig verbessert, doch das führt nicht zu mehr Wirtschaftswachstum.
In so einer Welt hilft nur eines: Zu lernen, mit Ungewissheiten umzugehen. Und vielleicht das Bonmot des Clowns Charlie Rivel zu beherzigen: «Der Optimist hat nicht weniger oft recht als der Pessimist. Aber er lebt froher.»
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