Wochenkommentar
Facebook ist das neue Rauchen

Facebook sei toxisch, heisst es. Der Konzern hat interne Studien vertuscht. Das grösste soziale Netzwerk wird mit der Zigaretten-Industrie verglichen. Es gibt aber Unterschiede.

Raffael Schuppisser
Raffael Schuppisser
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Die Whistleblowerin Frances Haugen bringt Mark Zuckerberg vor dem US-Senat in Bedrängnis.

Die Whistleblowerin Frances Haugen bringt Mark Zuckerberg vor dem US-Senat in Bedrängnis.

Keystone

Wäre es schlimm, wenn Facebook einfach von einem auf den anderen Moment verschwindet? Seit dieser Woche können wir uns das ein bisschen besser vorstellen. Für sechs Stunden konnte man keine Statusmeldungen auf dem sozialen Netzwerk posten, sich durch keine Fotos von Influencern auf Instagram klicken und selbst die Familien-Chats auf Whats­app blieben stumm. Totalausfall.

Alle zum Facebook-Universum gehörenden Apps waren nicht mehr erreichbar. Im Zug wandten sich Reisende von ihren Geräten ab, kamen mit fremden Menschen ins Gespräch – und unterhielten sich darüber, dass auf Facebook nichts mehr ging. Andere wurden leicht nervös, weil die verschickten Whatsapp ihre Empfänger nicht fanden, ohne aber auf die Idee zu kommen, ein SMS schicken zu können. Ein bisschen merkwürdig wäre das Leben schon ohne. Aber schlimm?

Was einst der Fernseher war, ist heute Facebook

Das kommt auf die Perspektive an. Viele junge Menschen informieren sich nur noch über soziale Medien – wie die Generation vor ihnen über den TV. In Ländern wie Irak, Indonesien oder Kenia haben viele Menschen nur über den von Facebook lancierten Gratis-Service Zugang zu ausgewählten Internet-Diensten. Für sie ist Facebook das Internet.

Für andere änderte sich im Alltag vermeintlich nichts, sind sie doch auf keinem sozialen Medium. Diese persönliche Sicht greift allerdings zu kurz. Am Konzern Facebook, der einen Jahresumsatz von 86 Milliarden Dollar macht, hängen diverse Branchen.

Soziale Netzwerke haben sich tief in der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Struktur unserer Welt verwurzelt. Auch wenn längst nicht jeder in den sozialen Medien präsent ist, käme die Welt ohne nicht mehr aus. So wie viele im privaten Leben kein Auto brauchen, die Welt aber ohne motorisierte Verkehrsmittel kollabieren würde. Facebook ist systemrelevant.

Der «grossen Tabak-Moment»

Facebook ist aber auch böse. Zu diesem Schluss kann kommen, wer diese Woche zuhörte, wie die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen während einer Anhörung vor dem US-Senat Geheimnisse des Konzerns ausplauderte. Vom «grossen Tabak-Moment» war die Rede. Facebook wisse um seine toxische Wirkung, verheimliche die Ergebnisse interner Untersuchungen aber – wie einst die Zigaretten-Industrie.

Interne Dokumente, welche Haugen zuvor schon dem «Wall Street Journal» hat zukommen lassen, zeigen etwa, dass Facebook in einer eigenen Studie festgestellt hat, dass Instagram bei Mädchen zu Essstörungen führen könne. Ebenso war dem Unternehmen bewusst, dass eine Umstellung des Algorithmus dazu führte, dass sich auf Facebook mehr Hass-Posts verbreiteten. Auf interne Vorschläge, wie sich dies ändern liesse, ging Chef Mark Zuckerberg nicht ein.

Social Media erst ab 18? Höchstens in China.

Facebook könnte also bald das neue Rauchen sein. Es gibt allerdings wesentliche Unterschiede. Schadstoffe der Zigaretten sind für den menschlichen Organismus stets schädlich. Die Nutzung von Instagram keineswegs. Bei einigen Nutzerinnen hat dies sogar einen positiven Effekt. Das zeigen die Facebook-Dokumente. Eine Kausalität besteht nicht. Und so käme – ausser vielleicht China – kein Land auf die Idee, Social-Media-Apps erst ab 18 Jahren zu erlauben und Nutzern die Konsumation zu erschweren.

Zigaretten haben zwar direkte Folgen für die Raucher selber, nicht aber für die Gesellschaft, die davon bloss durch höhere Gesundheitskosten betroffen ist. Die rasante Verbreitung von Fake News über Facebook entlädt sich aber an der ganzen Gesellschaft, bleibt dabei aber viel weniger fassbar. Die Wirkung ist subtiler, doch umso gefährlicher.

Wesentlich aber ist vor allem eines: Bei Zigaretten lässt sich die toxische Wirkung nicht eliminieren, bei Facebook schon. Offenbar weiss der Konzern bereits wie. Es braucht allerdings Druck von aussen, dass es auch getan wird. Ausserdem liegen den sozialen Medien anders als den Zigaretten ein schöner Gedanke zugrunde, der heute leider etwas altmodisch klingt: Jeder – egal ob er privilegiert ist oder nicht – hat die Möglichkeit, die ganze Welt zu erreichen.

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