Corona
«Zertifikat wird nicht ausreichen»: Schweiz steht in drei Wochen wie Österreich da

Trotz Impfung, Zertifikat und Booster droht der Schweiz ein neuer Corona-Winter. Dies prognostizieren die Fachleute des Bundes. Sie rufen nun dazu auf, die Kontakte freiwillig einzuschränken.

Peter Walthard
Drucken
Teilen

Die vom Bundesrat im Sommer verkündete Rückkehr zur Normalität ist Geschichte – trotz Zertifikatspflicht und Einführung der Booster-Impfung. An einer Medienkonferenz des Bundes schlugen die Fachleute von BAG und Taskforce am Dienstag Alarm: Die Schweiz sei auf dem gleichen Weg wie Österreich, lediglich mit drei Wochen Verspätung, rechnete Taskforce-Präsidentin Tanja Stadler vor. Mitte Dezember könnte die Lage hierzulande ähnlich ernst sein wie im Nachbarland, wo derzeit eine Ausgangssperre für alle gilt.

«Mitte Dezember könnte die Schweiz in einer ähnlichen Situation sein wie Österreich»

CH Media Video Unit

Die aktuelle fünfte Welle könne mit der Impfung alleine nicht mehr gebrochen werden, so Stadler. Dies obwohl sich gemäss ihren Zahlen 10'000 bis 20'000 Hospitalisierungen verhindern liessen, wenn entweder alle Ungeimpften geimpft oder alle Geimpften geboostert wären. Denn derzeit verdoppelten sich sowohl die Zahl der Neuansteckungen als auch die Zahl der Hospitalisierungen alle drei Wochen. Damit wären schon Mitte Dezember 300 Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt, im Januar gar 400.

«Mit 300 kann die Betreuungsqualität nicht aufrechterhalten werden und es findet eine implizite Triage statt», warnte Stadler. Das heisst: Menschen, die bei einer normalen Auslastung überlebt hätten, sterben. Es bestehe deshalb dringender Handlungsbedarf: «Dritte Impfungen werden erst im Laufe der nächsten Wochen bremsen können, kurzfristig reichen sie nichtaus», sagte Stadler.

Die Schweiz müsste täglich 90'000 Geimpfte boostern

Sie empfiehlt deshalb der Bevölkerung, unabhängig von allfälligen Massnahmen der Politik, die Kontakte wieder einzuschränken, um die aktuelle Welle abzuschwächen. Gefordert seien dabei auch die Geimpften, so Stadler. Dies auch deshalb, weil die Impfungen vom Frühling nur noch bedingt davor schützen, sich mit dem Coronavirus anzustecken und die Krankheit weiterzuverbreiten.

Der Infektionsschutz liege sechs Monate nach der zweiten Impfung nur noch bei 50 Prozent, und zwar bei allen Altersgruppen. Dies unabhängig vom Schutz vor schweren Verläufen, der auch nach einem halben Jahr noch deutlich höher sei. Stadler rät deshalb auch den Geimpften, die Kontakte zu reduzieren und sich wieder verstärkt an die gewohnten Schutzmassnahmen zu halten: «Wir können konsequent Masken in Innenräumen tragen, auch bei 3G, auch wenn doppelt geimpft, und zuhause bleiben, wenn Ansteckungsverdacht besteht.»

Um den Impfschutz in der Bevölkerung wieder hochzufahren, seien grosse Anstrengungen notwendig, so Stadler. Sie rechnete vor, dass täglich 90'000 Menschen die dritte Dosis erhalten müssten, das heisst ähnlich viele, wie sich zu Beginn der Impfkampagne die erste und zweite Dosis spritzen liessen. Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit BAG, nannte dies «eine Herausforderung»: Viele Kantone hätten ihre Impfkapazitäten mittlerweile «eingemottet», ausserdem gebe es Engpässe beim Personal.

Video: Katja Jeggli

Neues Medikament stellt logistische Herausforderung dar

Ein Einsatz der Armee sei allenfalls im Bereich Logistik sinnvoll, aber nicht, wenn die Armee via Milizsystem Fachkräfte aus dem Gesundheitsbereich abziehen würde, sagte Mathys weiter. Er rief weiter dazu auf, sich impfen zu lassen. Der Verlauf der Pandemie zeige in der Schweiz derzeit grosse regionale Unterschiede: Die höchsten Inzidenzen hätten die Kantone der Ost- und Innerschweiz, wo die Impfrate am niedrigsten sei.

Zur Entlastung der Spitäler beitragen könne ab Januar möglicherweise das neue Medikament Molnupiravir des US-Konzern Merck, mit dem das BAG einen Vertrag über die Lieferung von 8640 Packungen abgeschlossen hat. Das Arzneimittel werde bei Personen zum Einsatz kommen, die ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Auch hier warte aber eine logistische Herausforderung: «Es soll frühzeitig gegeben werden bevor die Person im Spital liegt», so Mathys. Nun müsse organisiert werden, wie das Medikament zu den betroffenen Patienten gelange.

Insgesamt beurteile das BAG die Lage derzeit als kritisch, sagte Mathys. Umso wichtiger sei es deshalb, dass sich nun alle wieder stärker an die bekannten Empfehlungen des BAG hielten: Masken in Innenräumen, Abstand, Händewaschen und Testen bei Symptomen. Noch ist dies nur eine Empfehlung, zumindest in der Schweiz: Wie der Nachbarstaat Liechtenstein ebenfalls am Dienstag bekannt gab, gilt dort ab Freitag wieder eine allgemeine Maskenpflicht in Innenräumen.

Video: Katja Jeggli

Aktuelle Nachrichten