Knall in Taskforce
Wegen «politischem Korsett»: Basler Wissenschafter tritt nach Lockerungsentscheid des Bundesrats aus Taskforce aus

Der Stressforscher Dominique de Quervain hat genug: Er verlässt die wissenschaftliche Covid-Taskforce wegen des «politischen Korsetts». Und er kritisiert den jüngsten Öffnungsentscheid des Bundesrats.

Maja Briner
Merken
Drucken
Teilen
Dominique de Quervain.

Dominique de Quervain.

Twitter

Seinen Austritt gab de Quervain am Freitag via Twitter bekannt. Der Professor für kognitive Neurowissenschaften an der Uni Basel begründet den Schritt ausdrücklich mit dem «politischen Korsett», das der Taskforce auferlegt sei. Dieses verhindere die «ungefilterte wissenschaftliche Aufklärung», kritisiert er.

Sein Rücktritt dürfte auch eine Reaktion auf den Entscheid des Bundesrats sein, die Corona-Massnahmen ab kommendem Montag zu lockern. De Quervain hält diesen Schritt für falsch, wie er klar machte. Schon bald werde man dafür einen umso höheren Preis bezahlen - «auch psychischer Natur», warnte er.

De Quervain beschäftigt sich als Stressforscher mit den psychischen Auswirkungen der Pandemie. In einem Interview mit der «SonntagsZeitung» stellte er jüngst klar: «Die Argumentation vieler Politiker, dass Öffnungen gut wären für die Psyche, ist zu kurz gedacht.» Je höher die Fallzahlen seien, desto stärker sei die Angst, schwer zu erkranken oder gar zu sterben. Das belastet laut de Quervain auch die Jüngeren, die seltener schwer erkranken: Eine Umfrage habe gezeigt, dass über 90 Prozent der Jungen auch Angst haben, dass jemand aus dem eigenen familiären Umfeld an Covid-19 sterben könnte.

Mehrere prominente Abgänge

Das Verhältnis zwischen der Politik und der rund 70-köpfigen Taskforce ist seit langem angeknackst. Einzelne Wissenschafter beklagten sich, die Politik schenke ihnen zu wenig Gehör. Umgekehrt störten sich Politiker an der «Kakofonie» und riefen Taskforce-Mitglieder zur Zurückhaltung auf. Die nationalrätliche Wirtschaftskommission wollte der Taskforce deswegen einen Maulkorb verpassen; dieser Antrag scheiterte aber im März im Nationalrat.

Bei der Taskforce kam es in den letzten Monaten zu mehreren prominenten Abgängen. Anfang Jahr gab der Berner Epidemiologe Christian Althaus, ein Warner der ersten Stunde, seinen Austritt - hauptsächlich aus Zeitgründen, wie er erklärte. Aber nicht nur: «Das schwierige politische Spannungsfeld ist mit ein Grund für diese Entscheidung», sagte er damals gegenüber CH Media.

Ausgetreten sind weiter auch der Epidemiologe Marcel Salathé, der Infektiologe Manuel Battegay, die Ökonomin Monika Bütler sowie Marcel Tanner, Präsident der Akademien der Wissenschaften. Auch der erste Chef der Taskforce, Matthias Egger, ist nicht mehr dabei. Anders als Althaus und de Quervain begründeten diese Wissenschafter ihren Austritt jedoch nicht mit dem politischen Umfeld, sondern gaben unter anderem an, sich auf ihre Arbeit konzentrieren zu wollen.

Die Taskforce war Ende März 2020 gegründet worden. Sie hat ein Beratungsmandat von Alain Bersets Innendepartement und vom Bundesamt für Gesundheit. Die Mitglieder erhalten keine Entschädigung.