Parlamentarier-Reisen
Im Zweifel für das Flugzeug: Nationalräte wollen nicht konsequent im Zug reisen

Bei einer Reisezeit unter sechs Stunden sollen auch Parlamentarier und Parlamentarierinnen künftig auf Flugreisen verzichten. Das gehe deutlich zu wenig weit, klagt ein Nationalrat.

Michael Graber
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Dauert die Zugfahrt länger als sechs Stunden, können Parlamentarier weiterhin das Flugzeug nehmen. (Symbolbild)

Dauert die Zugfahrt länger als sechs Stunden, können Parlamentarier weiterhin das Flugzeug nehmen. (Symbolbild)

Keystone

Zug statt Flugzeug: Auch die Parlamentarier und Parlamentarierinnen sollen bei Reisen vermehrt auf die Schiene setzten. Wie das Büro des Nationalrats dem Parlament beantragt, sollen Reisen im Rahmen des Amts, die im Zug weniger lang als sechs Stunden dauern, künftig per Bahn durchgeführt werden müssen. Wer trotz kurzer Strecke lieber fliegen will, muss dies neu aus der eigenen Tasche finanzieren. Zurück geht diese Regel auf eine parlamentarische Initiative von Michael Töngi (Grüne/LU).

Ein Grund für Freudensprünge? Mitnichten. «Ich bin sehr enttäuscht», sagt Töngi gegenüber CH Media. Der Parlamentarier hätte eigentlich mehr gewollt. Beziehungsweise weniger. Weniger Flugreisen. In seinem Vorstoss wollte er eine Grenze von acht Stunden setzen. Die zwei Stunden Differenz fallen ins Gewicht: Eine Reise nach Brüssel, der Schaltzentrale der EU, dauert genau zwischen sechs und acht Stunden. Daran liege es aber nicht, schreibt das Büro des Nationalrats in seinem Bericht. Viel mehr gehe es um Gleichbehandlung: Die nun beschlossene Sechs-Stunden-Marke gilt bereits für Bundesbeamte.

Auch Paris ist durchaus anfliegbar

«Wenn es nicht einmal Parlamentarier und Parlamentarierinnen schaffen, auf berufliche Kurz- und Mittelstreckenflüge zu verzichten, so können wir die Klimawende nicht packen», sagt Michael Töngi. Wie eine Liste des Eidgenössischen Personalamt (EPA) zeigt, muss mit der Sechs-Stunden-Regel nur bei wenigen Destinationen auf den Jet verzichtet werden. So müssen etwa Bundesreisende ab Bern nach Avignon, Bologna und Köln den Zug nehmen. Bei diesen Zielorten dauert eine Flugreise laut EPA-Berechnungen aber eigentlich sowieso länger als die Fahrt mit dem Zug.

An diese Destinationen müssen Bundesangestellte obligatorisch mit der Bahn reisen

Avignon, Bologna, Bonn, Darmstadt, Düsseldorf, Florenz, Frankfurt, Genua, Heidelberg, Innsbruck, Karlsruhe, Köln, Leipzig-Halle, Linz, Luxembourg, Lyon, Mailand, Mannheim, Marseille, München, Paris, Salzburg, Strassburg, Stuttgart, Turin. (mg)

Quelle: Eidgenössisches Personalamt (Stand: 11. Juni 2020)

Dies ist auch im Fall von Paris so. Mit dem Zug dauert die Fahrt von Bern in die französische Hauptstadt viereinhalb Stunden, mit dem Flugzeug 6 Stunden. Nur: Geht es nach dem Büro des Nationalrats, heisst dies trotzdem noch lange nicht, dass auch in jedem Fall per Bahn gereist wird. Dann nämlich, wenn bei einer Fahrt mit dem Zug «eine oder mehrere zusätzliche Übernachtungen nötig werden», kann weiterhin der Jet als Reiseart gewählt werden. Das ist unter anderem dann der Fall, wenn die Sitzung in Paris bis nach 18.30 Uhr dauert.

SVP möchte Limite von drei Stunden Reise

«So bringt es einfach nix», sagt ein konsternierter Michael Töngi. Der Grünen-Nationalrat hatte sich mit seinem Vorstoss ein Umdenken erhofft. Und auf eine deutliche Verbesserung der Klimabilanz. Jeder Flug unter einem Minimum von acht Stunden sei inkonsequent, findet er. Im Zug könne bestens gearbeitet werden. Auf weitergehende Anträge wollen die Grünen nun aber verzichten. Das wäre ja «sowieso chancenlos», sagt Töngi. Die Vorlage kommt in der laufenden Herbstsession vor den Nationalrat.

Deutlich zu weit geht aber selbst die jetzige, abgespeckte Vorlage, den Mitgliedern der SVP im Nationalratbüro. Sie setzen auf mehr «Wahlfreiheit» zwischen Flugzeug und Bahn. Konsequent auf den Zug solle nur gesetzt werden, wenn die Reise weniger als drei Stunden dauert, geht aus dem Bericht hervor. Damit würde der Bund laut der Liste des EPA seinen Parlamentarierinnen und Parlamentariern auch Flüge nach Mailand und Stuttgart weiterhin bezahlen.

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