Katar 2022
Sensation in Katar: Deutschland misslingt WM-Start gegen Japan nach Protestaktion

Das deutsche Team erlebt den nächsten WM-Auftaktschock. Wie 2018 geht die erste Partie verloren. Beim 1:2 gegen Japan rächt sich der Chancenwucher. Vor der Partie zeigen die Deutschen eine vielbeachtete Geste.

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Die Enttäuschung steht den Deutschen ins Gesicht geschrieben.

Die Enttäuschung steht den Deutschen ins Gesicht geschrieben.

Friedemann Vogel / EPA

Moralischer Erfolg für Deutschland - aber Riesenfrust über den nächsten WM-Auftaktschock: Nach dem 1:2 (1:0) gegen Japan droht der deutschen Nationalmannschaft wie 2018 in Russland schon wieder das Vorrunden-Aus. Zwei Joker-Tore des beim SC Freiburg unter Vertrag stehenden Ritsu Doan (75. Minute) und des Bochumers Takuma Asano (83.) rissen Hansi Flick und sein Team aus allen Träumen. Die zahlreichen vergebenen Chancen nach dem Elfmetertor von Ilkay Gündogan (33.) rächten sich brutal. Vor dem Anpfiff punkteten die Fussball-Nationalspieler noch mit einer vielsagenden Geste gegen die FIFA. Nach dem Verbot der «One Love»-Binde hielten sich Kapitän Manuel Neuer und seine zehn Teamkollegen beim Mannschaftsfoto vor dem Anpfiff demonstrativ die Hand vor den Mund.

Ein starkes Bild, das da vor 42 608 Zuschauern aus dem Chalifa-International Stadium in die Welt hinausging. Auch auf dem Platz präsentierte sich das DFB-Team lange gut, auch wenn Flick in seiner grossen Coaching Zone nur einmal jubeln durfte. Das Auslassen mehrerer Topchancen, nicht nur beim Pfostenschuss von Gündogan (60.), wurde am Ende brutal bestraft: Die Defensive zerfiel bis auf Torwart Neuer zusehends. Am Sonntag geht es gegen Spanien schon um alles beim Kampf um den Einzug ins Achtelfinale. Entsprechend enttäuscht wirkte auch Kapitän Manuel Neuer:

«Das ist eine Riesenenttäuschung für uns, wir sind frustriert. Für mich ist es so knapp nach dem Spiel schwer zu verstehen, wie wir das aus der Hand gegeben haben.»
Der stumme Protest der Deutschen vor der Partie.

Der stumme Protest der Deutschen vor der Partie.

Ronald Wittek / EPA

Deutsche Innenministerin mit «One Love»-Binde

Zumindest ein politischer Doppelpass gelang an diesem bemerkenswerten Mittwoch: Auf der VIP-Tribüne, wo FIFA-Präsident Gianni Infantino sass, trug die Bundesinnenministerin Nancy Faeser die für Neuer verbotene «One Love»-Binde für Vielfalt. Die SPD-Politikerin hatte sie erst unter ihrem pinken Blazer verborgen, den sie nach dem Anpfiff auszog.

Sportlich erinnerte das 1:2 an die WM vor viereinhalb Jahren, als ein 0:1 gegen Mexiko das schmachvolle Vorrunden-Aus der Deutschen einleitete. Bei allen bisherigen vier Weltmeistertiteln konnte das deutsche Team sein Auftaktspiel gewinnen.

Klare Rollenverteilung auf dem Platz

Nach dem Symbol vor dem Anpfiff gab es auf dem Rasen direkt eine klare Rollenverteilung. Die Japaner überliessen dem deutschen Team komplett das Spiel und warteten lediglich auf die gefürchteten Umschaltmomente nach eigenen Ballgewinnen. Auch wenn Flick genau vor dieser Qualität gewarnt hatte, sorgte der viermalige Asienmeister damit das erste Mal für Gefahr. Gündogan, der von Flick den Vorzug gegenüber Leon Goretzka erhalten hatte, verlor in der achten Minute den Ball in der gegnerischen Hälfte. Die Japaner überbrückten rasant das Mittelfeld, Daizen Maeda stand bei seinem Treffer aber klar im Abseits.

Deutschland zeigte sich zunächst beeindruckt. Die Angst, ausgekontert zu werden, war der Flick-Auswahl deutlich anzumerken. Erst Mitte der ersten Halbzeit wurde das Offensivspiel mutiger, nach vorne ging es nur mit viel Laufbereitschaft. Für sein 17. WM-Spiel war Thomas Müller rechtzeitig fit geworden, im zentralen Mittelfeld agierte der 33-Jährige sehr umtriebig, seinen Aktionen fehlte aber die Präzision.

Ein feiner öffnender Ball von Joshua Kimmich auf Linksverteidiger David Raum leitete die verdiente Führung ein. Nach sicherer Ballannahme war der WM-Debütant im Strafraum von Japans Torwart Shuichi Gonda nur per regelwidriger Grätsche zu stoppen. Gündogan verwandelte sicher und behielt mit dem siebten verwandelten Elfmeter im siebten Versuch seine 100-Prozent-Quote im Nationaltrikot.

Das 1:0 gab dem deutschen Team zunächst noch Sicherheit. Mit flexiblem Positionswechsel agierte die deutsche Offensive nun dominant. Kurz vor der Pause jubelte Sturmspitze Kai Havertz zunächst, bei seinem Treffer stand der Profi des FC Chelsea aber im Abseits.

Bayern-Offensivspieler Jamal Musiala, nun viertjüngster Deutscher bei einer WM, bewies mehrfach seine Extraklasse. Mit einem Solo im Strafraum tanzte der 19-Jährige gleich fünf Japaner aus, verpasste aber die Krönung: Sein Schuss strich über das Tor (52.). Sein Münchner Teamkollege Serge Gnabry war hingegen nur selten zu sehen. Defensiv erlaubte sich vor allem Dortmunds Nico Schlotterbeck immer wieder Wackler und war dem WM-Niveau zunächst nicht gewachsen.

Schlechte Chancenverwertung wird zum Verhängnis

Das Spiel wurde offener, Japan wechselte offensiv, brachte unter anderem Doan sowie Asano und setzte nun auf eine Dreierkette. Mit seiner Kunst am Ball leitete Musiala eine weitere Grosschance ein, Gündogan traf jedoch nur den Aussenpfosten. Leon Goretzka und Jonas Hofmann anstelle von Gündogan und Müller sollten für Frische sorgen. Der Gladbacher Hofmann hatte direkt die Riesenchance zum 2:0, auch gegen Gnabry rettete jedoch der japanische Keeper (70.).

Die Chancenverwertung blieb der Kritikpunkt im deutschen Spiel - und dieser Wucher rächte sich: Mit einer Riesenparade rettete Neuer zunächst noch gegen Junya Ito (73.). Wenig später war der Bayern-Keeper jedoch geschlagen: Eine scharfe Hereingabe konnte Neuer nur nach vorne klatschen lassen, der Freiburger Doan nutzte dies eiskalt und belohnte die Japaner für ihre Drangphase.

Grenzenloser Jubel bei den Japanern nach dem Führungstreffer.

Grenzenloser Jubel bei den Japanern nach dem Führungstreffer.

Rungroj Yongrit / EPA

Das deutsche Team war geschockt. Schlotterbeck stand nach langem Freistoss weit von Asano entfernt, agierte zu zaghaft und konnte den Bochumer beim zweiten Gegentreffer nicht stören. Ein letzter Versuch von Goretzka ging daneben - die nächste Auftakt-Schmach war perfekt. (dpa/tga)