Leichtathletik
Experten zweifeln an Wilsons Europarekord – Deutsche feiern Schweizer Sprinter

Nach den überraschenden Rekordläufen in den USA vom Sonntag äussern internationale Experten Zweifel an Alex Wilsons Leistung. Lob und Vorschusslorbeeren erhält der Schweizer Sprinter derweil aus Deutschland.

Samuel Thomi, Dan Urner
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Nach seinen Rekordläufen in den USA äussern Experten Zweifel an den neuen Bestzeiten des Schweizer Sprinters.

Nach seinen Rekordläufen in den USA äussern Experten Zweifel an den neuen Bestzeiten des Schweizer Sprinters.

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Alex Wilson ist am Sonntag bei einem nicht-internationalen Leichtathletik-Meeting in Marietta (USA) die 100 Meter in 9,84 Sekunden gelaufen. Diese Zeit in dem Vorbereitungsrennen für Olympia würde einen neuen Europarekord bedeuten. Die Bestätigung der Zeit des Schweizer Rekordsprinters wirft allerdings Fragen auf, meldet die deutsche Nachrichtenagentur Sport-Informations-Dienst (SID) am Montag.

Alex Wilsons Zeit sei zwar vom Internationalen Verband registriert worden. Aber viele Beobachter hätten im Nachgang die Streitbarkeit der Situation betont: «Wir wissen zu 100 Prozent, dass es nicht möglich ist», twitterte laut SID beispielsweise der angesehene amerikanische Trainer Rana Reider.

Rana Reider kennt sich dabei auch in der Schweizer Leichtathletik-Szene aus. Hat er früher doch Mujinga Kambundji trainiert und coacht aktuell den Basler Hürdensprinter Jason Joseph. Ausser einem Bild auf Instagram mit der Zeittafel in Marietta hat sich Wilson selber bislang nicht zu seiner Sprintleistung geäussert.

Überdies wurden am Montag Zweifel laut, ob bei dem Meeting in den USA überhaupt ein sogenanntes Start Information System eingesetzt wurde. Darauf verweist zum Beispiel die französische Sportzeitung L'Équipe bei ihrer Berichterstattung über den neuen Europarekord. Ohne ein solches System, das etwa den Druck der Athleten im Startblock misst, können Fehlstarts nämlich nicht ausgeschlossen werden.

«Bild» feiert Schweizer Europarekord

Alex Wilson muss nach seinen Rekordläufen in den USA nicht nur Kritik einstecken – oder sich zumindest Zweifel an seiner Leistung anhören. Die deutsche «Bild»-Zeitung feiert den Schweizer Sprinter am Montag bereits als «schnellsten Europäer aller Zeiten». Und das Boulevardblatt hält fest: «Olympia kann für ihn sicher nicht schnell genug kommen!». Am Freitag beginnen die Olympischen Sommerspiele in Tokio.

Die Finals der beiden Sprint-Disziplinen, an denen Alex Wilson in Japan starten will, sind für den 1. (100 Meter) und 4. August (200 Meter) geplant. (sat)

Zweifel an den Rekordläufen des Schweizers kommen derweil auch aus Spanien. Jedenfalls zitiert das Sportportal «La Bolsa del Corredor» (LBDC) am Montag auch den Leichtathletik-Experten Óscar Fernández in diesem Sinne. Er sei ungläubig und erklärte LBDC, der Schweizer Läufer habe viele Probleme mit seinem Gewicht. Doch wenn er dieses senken könne, seien Wilson erhebliche Verbesserungen zuzutrauen.

«Überraschend ist das mildeste Urteil, das mir dazu einfällt», zitiert LBDC Óscar Fernández. Unabhängig davon, ob der Europäische Leichtathletikverband Alex Wilsons Rekord anerkennen wird oder nicht, werde man bereits in Tokio bei den Olympischen Spielen sehen, ob der Schweizer Sprinter seine gute Verfassung werde halten können.

Erst Schweizer Rekord, dann Europarekord

Der 30-jährige Wilson erzielte am Sonntagabend (Schweizer Zeit) seinen Europarekord im Rahmen eines Vorbereitungs-Trainingslagers auf die am Freitag beginnenden Olympischen Sommerspiele. Dabei wurde gerade noch zulässiger Rückenwind von 1,9 Metern pro Sekunde gemessen. Kurz darauf gewann er auch die 200 Meter in Schweizer Rekordzeit von 19,89 Sekunden (1,8 m/s).

Wiewohl der Schweizer Sprintstar in Marietta optimale Bedingungen vorfand – 30 Grad Celsius, dazu beinahe zwei Meter pro Sekunde Rückenwind –, erscheint seine Zeit aus Sicht einiger Experten wenig plausibel. Dies könne für eine gute Zeit sorgen, zitiert der Blick einen Insider, dessen Name ungenannt bleibt. «Aber das erklärt diesen gewaltigen Sprung nicht.»

Im laufenden Jahr immer über 10 Sekunden

Wilsons persönliche 100-m-Bestzeit stand bis am Sonntag bei 10,08 Sekunden. In dieser Saison hatte der gebürtige Jamaikaner bis dato eine 10,38 als Top-Zeit zu Buche stehen. Allerdings war er im Frühling auch operiert worden.

Der anerkannte Europarekord steht bei 9,86 Sekunden, gehalten vom Portugiesen Francis Obikwelu und dem Franzosen Jimmy Vicaut. Der europäische Verband European Athletics wird dafür verantwortlich sein, Wilsons Zeit aus den USA als Europarekord zu validieren.

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