Bankengruppe
Trotz Lachappelle-Abgang: Raiffeisen kann den Gewinn im ersten Halbjahr deutlich steigern

Die Turbulenzen an der Spitze haben keinen Einfluss aufs Geschäft. Die Nachfolgesuche für Guy Lachappelle ist eingeleitet.

Florence Vuichard
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Ein Bild aus alten Tagen: Raiffeisen-Chef Heinz Huber (l.) bringt Raiffeisen operativ weiter, Präsident Guy Lachappelle musste gehen.

Ein Bild aus alten Tagen: Raiffeisen-Chef Heinz Huber (l.) bringt Raiffeisen operativ weiter, Präsident Guy Lachappelle musste gehen.

Walter Bieri / KEYSTONE

Mehr Kunden, mehr Genossenschafter, mehr Gelder, mehr Marktanteile, mehr Ertrag, mehr Gewinn. Raiffeisen-Chef Heinz Huber kommt gar nicht nach mit dem Aufzählen der «Highlights». Es sei «ein sehr erfolgreiches Halbjahr» gewesen, sagt er an der Telefonkonferenz zum Halbjahresabschluss. Die Turbulenzen rund um den Abgang von Verwaltungsratspräsidenten Guy Lachappelle hätten keine Auswirkungen gehabt aufs operative Geschäft, betont Huber.

Guy Lachappelle: Er musste gehen.

Guy Lachappelle: Er musste gehen.

Walter Bieri / KEYSTONE

Lachappelle war im November 2018 angetreten als Saubermann, als bescheidener Kantonalbanker, der die angeschlagene Reputation der Raiffeisen-Gruppe nach den wilden Pierin-Vincenz-Jahren wiederherstellen wollte. Im Juli, nach nicht einmal drei Jahren, musste er gehen, weil er bei seiner früheren Arbeitgeberin, der Basler Kantonalbank, bankinterne Dokumente an seine damalige Geliebte weitergeleitet hatte. Lachappelle blieb nichts anderes übrig, als zurückzutreten - und er kündigte damals auch gleich an, sich ganz aus der Bankenwelt zurückzuziehen. Damit hält er sich die Finanzmarktaufsicht (Finma) vom Hals.

Lachappelles Nachfolge soll an einer ausserordentlichen Generalversammlung gewählt werden

Der Nachfolgeprozess sei durch den Nominationsausschuss im Verwaltungsrat eingeleitet worden, sagt Huber. Dieser wird von Thomas Rauber präsidiert, Einsitz nehmen auch Olivier Roussy, Beat Schwab und Karin Valenzano Rossi, die einzige Frau im Raiffeisen-Verwaltungsrat. Ebenfalls beteiligt am Suchprozess sind die Genossenschaften, wie Huber ergänzt. Der Prozess dürfte noch 2021 abgeschlossen werden. Lachappelles Nachfolger soll dann an einer ausserordentlichen Generalversammlung gewählt werden.

Mehr will die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz dazu nicht sagen. Sie bleibt lieber bei den Zahlen, in welchen sie «einen grossen Vertrauensbeweis» erkennt: Allein im ersten Halbjahr hätte Raiffeisen 17'000 neue Genossenschafter gewinnen können, sagt Huber. Rund 36'000 neue Kundendepots seien in diesem Zeitraum eröffnet worden. Das seien rund 200 pro Tag. Unter dem Strich resultiert Gewinn von 505 Millionen Franken, was einem Plus von gut 45 Prozent entspricht. Zu diesem «starken Ergebnis» hätten alle Ertragspositionen beigetragen, auch beim Hauptertragspfeiler, dem unter Druck stehenden klassischen Zinsengeschäft, konnte Raiffeisen zulegen.

Zeigt sich zuversichtlich: Raiffeisen-Chef Heinz Huber.

Zeigt sich zuversichtlich: Raiffeisen-Chef Heinz Huber.

Walter Bieri / KEYSTONE

1000 Raiffeisen-Kunden zahlen Negativzinsen

Raiffeisen-Chef Huber erwartet, dass sich die positive Entwicklung für seine Bankengruppe auch im zweiten Halbjahr fortsetzen wird. Grosses Potenzial erkennt er beim Ausbau des Wertschriften- und Anlagegeschäfts. Bei der Anzahl und dem Volumen der Vermögensverwaltungsmandate verkündigt die Raiffeisen-Gruppe im ersten Halbjahr gar ein Plus von rund 66 Prozent: Die Zahl stieg von 10‘085 auf 16‘721 Mandate, das Volumen von 2,95 Milliarden auf 4,94 Milliarden Franken.

Die hier steigende Nachfrage ist auch eine Folge des anhaltenden Tief- und Negativzinsumfelds, in welchem Privatpersonen aufs Wertschriftensparen ausweichen - um mehr Zinserträge zu generieren oder um wenigstens keine Negativzinsen zahlen zu müssen. «Die Kunden suchen Alternativen mit höheren Renditen», sagt auch Huber.

Die Raiffeisen-Zentrale hält ihre Genossenschaftsbanken dazu an, langjährige Privatkundinnen und Privatkunden nicht mit Negativzinsen zu bestrafen - und solche nur bei jenen Personen zu verlangen, die kurzfristig ihr Geld bei ihnen parkieren wollen. Heute müssten rund 1000 der insgesamt 3,5 Millionen Raiffeisen-Privatkunden Negativzinsen bezahlen, erklärt Huber. Diese seien auf rund zwei Drittel der 823 Raiffeisen-Banken verteilt.

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