Grosser Auftritt im Jura

Das Appenzellerland ist am kommenden Wochenende Ehrengast am Marché-Concours in Saignelégier, dem Mekka der Pferdezucht in den Freibergen. Der weitaus jüngste Kanton der Schweiz hat mit dem Appenzellerland durchaus auch Gemeinsamkeiten.

Hanspeter Strebel*
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Ein Jura-Bild, das vielen zuerst in den Sinn kommt: Sich frei bewegende und grasende Pferde. (Bild: hps)

Ein Jura-Bild, das vielen zuerst in den Sinn kommt: Sich frei bewegende und grasende Pferde. (Bild: hps)

SAIGNELéGIER. Quer durch die Schweiz in den nordwestlichsten Zipfel des Landes reisen dieses Wochenende rund 600 Appenzellerinnen und Appenzeller in eine Region, die den wenigsten unter ihnen wirklich bekannt sein dürfte. Erinnern wird man sich vielleicht an Fotos mit lockeren, dunklen Tannengruppen und sich frei bewegenden und grasenden Pferden oder idyllische Ortschaften wie St-Ursanne am Doubs oder an die separatistische Bewegung, die 1979 zur Gründung des mit Abstand jüngsten Kantons führte. Vielleicht kommt einem noch Gilberte de Courgenay in den Sinn, die heimwehkranken Deutschschweizer Soldaten in der Aktivdienstzeit den Kopf verdreht haben soll, was Stoff für einen legendären Film hergab. Den Jurassiern dürfte es bezüglich ihrer Kenntnisse über den Appenzeller Gast kaum besser gehen. Dabei sind beiden gemeinsam die Probleme mit ihrer geographischen Randlage ausserhalb der Entscheidungszentren und der grossen Verkehrslinien.

Grösser als die beiden Appenzell

Die Teilnahme am seit Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführten Marché-Concours National de Chevaux vom 7. bis 9. August, dem grössten und jeweils sogar von den Deutschschweizer Medien wahrgenommenen Fest mit 40 000 bis 50 000 Zuschauern, bietet Gelegenheit, sich über diesen «weissen Fleck» etwas kundig zu machen. So hat sich gerade unlängst ein Ausserrhoder Nationalratskandidat enerviert, dass der Bund im Jura «mit seinen gerade einmal 17 000 Einwohnern Millionen von Franken in eine Nationalstrasse in menschenleerem Gebiet buttert», während der Zubringer Appenzellerland noch immer weit hinten in der Warteschlange stehe. Dabei ist der Kanton Jura mit über 72 000 Einwohnern bevölkerungsmässig sogar etwas grösser als die beiden Appenzell zusammen, ganz zu schweigen von der Fläche, die mit knapp 840 Quadratkilometern doppelt so hoch ausfällt. Unkenntnisse und falsche Vorstellungen vom Jura sind nicht neu. Schon der Emmentaler Heimatdichter Jeremias Gotthelf liess 1837 im «Bauernspiegel» eine Romanfigur nordwärts blicken und über die «wüsten Leute hinter dem Blauen Berg, die nie zufrieden sind und alles regieren wollen», klagen. Dabei gehörte man damals noch zum selben Kanton.

Raurachische Republik

Werfen wir einen kurzen Blick in die lange Geschichte dieses Juras: Als eigentliches jurassisches «Geburtsdatum» kann das Jahr 999 genannt werden. Damals wurden dem Bischof von Basel die Ländereien der Abtei von Moutier-Grandval (das zeitweise ähnlich berühmt war wie das Kloster St. Gallen) als weltliches Herrschaftsgebiet geschenkt. Bis zur Französischen Revolution regierten die Bischöfe von Basel danach über den Jura. 1792 drangen französische Revolutionstruppen in den Jura ein, und für kurze Zeit wurde dieser zur Raurachischen Republik. Noch heute gilt die Nouvelle Rauracienne als Nationalhymne des Kantons, bei deren Erklingen sofort alle aufstehen und sich die Hände reichen.

Bern entschädigt

1815, also just vor 200 Jahren, begann die vorletzte Epoche der jurassischen Geschichte, die man als «Los von Bern» bezeichnen kann. Die gegen Napoléon siegreichen Grossmächte teilten Europa am Wiener Kongress neu auf und schlugen das ehemalige Fürstbistum Basel als Entschädigung für verlorene Untertanengebiete im Aargau und in der Waadt dem Kanton Bern zu. Wellenartig kam es danach immer wieder zu autonomistischen Unruhen. Die letzte separatistische Welle, die schliesslich zur Kantonsgründung vor rund 40 Jahren führen sollte, begann 1947 mit einer politischen Ohrfeige, als der bernische Grosse Rat bei der Verteilung der Departemente dem jurassischen Regierungsrat Georges Moeckli das Baudepartement mit der Begründung verweigerte, dieses sei zu wichtig, um es einem Amtsträger französischer Zunge anvertrauen zu können. Es kam zu spontanen Protestversammlungen mit Tausenden von Jurassiern und zur Gründung des Rassemblement Jurassien, das sich schliesslich unter dem unermüdlichen «Antreiber» Roland Béguelin zur Massenbewegung mit 18 000 Mitgliedern entwickeln sollte. In Bern sprach man gelassen von einem «Strohfeuer», das rasch wieder verglimmen werde – und sollte sich gewaltig täuschen.

Gefährliche Eskalation

Mit Provokationen, bei der sich die Jugendbewegung Béliers mit spektakulären Aktionen wie dem Eindringen in die Bundesversammlung besonders hervortat, schaukelte sich die Jurafrage immer stärker hoch. Sie wurde zu einem ernsthaften Problem, zumal es zu gefährlichen Sprengstoffanschlägen und Brandstiftungen einer extremistischen Front de Libération Jurassien kam. Erst in den 1970er-Jahren begannen ernsthafte Versuche zur Lösung des Problems, wobei sich schliesslich auch die Eidgenossenschaft einschaltete und sich der St. Galler Bundesrat Kurt Furgler besondere Verdienste als Vermittler erwarb.

Der entscheidende Juni 1974

1970 wurde in der Berner Kantonsverfassung den sieben jurassischen Amtsbezirken (inklusive des Sonderfalls Laufental) schliesslich das Selbstbestimmungsrecht gewährt. Darauf fussend, kam es zu einer Plebiszitkaskade, in deren Verlauf sich der Kanton Jura in seiner heutigen Gestalt herauskristallisierte. Überraschend stimmte im Jura 1974 die Mehrheit des Gesamtjuras einer Loslösung von Bern zu. Der Nordjura war tagelang im Freudentaumel, obwohl sich damit die Teilung des Berner Juras abzeichnete. Ein Jahr später entschieden sich dann auch die Stimmberechtigten der südlichen Amtsbezirke Courtelary, La Neuveville und Moutier, bei Bern zu verbleiben. Das Laufental wechselte später zum Kanton Basel-Landschaft.

Der eidgenössische Segen

Die den heutigen Kanton Jura bildenden ehemaligen Berner Bezirke Delémont, Porrentruy und Freiberge schufen in Rekordzeit eine fortschrittliche Verfassung (eine «originelle Neuschöpfung», wie der Teufner Staatsrechtler Daniel Thürer feststellte), und die Bevölkerung wählte ihre Behörden mit Regierungspräsident François Lachat an der Spitze. Das eidgenössische Parlament gab seinen Segen, und am 24. September 1978 ratifizierten gut 82 Prozent der Stimmenden und alle Stände die Schaffung des Kantons Jura. Innerrhoden lag mit 87 Prozent in der Spitzengruppe der annehmenden Kantone, Ausserrhoden mit gut 73 Prozent deutlich tiefer, was wohl mit konfessionellen und parteipolitischen Gegebenheiten erklärt werden kann. Im neuen, vorwiegend katholischen Kanton dominierte die CVP.

* Der Autor hat sich zu Beginn seiner journalistischen Laufbahn intensiv mit der damals sehr aktuellen Jurafrage befasst.