Erdbeben bringt Bevölkerung um den Schlaf

OSTSCHWEIZ. Am frühen Morgen hat ein Erdbeben der Stärke 2,9 die Bevölkerung in und um Gossau aufgeschreckt. Anlass zur Sorge bestand zu keiner Zeit. Aufsehen erregten die Erdstösse trotzdem.

Sandra Schweizer
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Die sechs nächst gelegenen Messstationen des SED registrierten das Beben bei Gossau am stärksten. (Bild: SED)

Die sechs nächst gelegenen Messstationen des SED registrierten das Beben bei Gossau am stärksten. (Bild: SED)

Heute Nacht hatte David Studer Herzklopfen. Der Leiter des Einwohneramtes Flawil war vor dem Fernseher eingenickt, als ihn ein dumpfes Geräusch aus dem Schlaf riss. Sofort war er wach, dachte aber zuerst an einen Einbrecher oder einen grossen, gegen das Fenster geworfenen Schneeball. Auch Bernard Marks, Redaktor bei der Wiler Zeitung, behält einen nachhaltigen Eindruck von dieser Nacht. Dreimal habe es geknallt. «Es war, als ob das Haus zusammenfallen würde», sagt er.

Schwach und kurz
Was den Leuten in der Region Flawil-Gossau um 1.34 Uhr den nächtlichen Schlaf aus den Gliedern getrieben hat, war ein Erdbeben der Stärke 2,9. Das Zentrum lag 4,5 km nordwestlich von Gossau in 7 bis 8 Kilometern Tiefe. «Es handelte sich um ein eher schwaches Beben, das nur 2 bis 3 Sekunden dauerte», sagt Stefan Wiemer, Mitarbeiter am Schweizerischen Erdbebendienst (SED) in Zürich. Ein Beben dieser Stärke sei zwar lokal spürbar, werde aber bereits ein paar Kilometer weiter weg, also etwa in St.Gallen, kaum mehr bemerkt, und Schäden entständen schon gar keine.

Ein ähnlich leichter Stoss liess heute Morgen auch im Bregenzerwald in Vorarlberg die Erde beben, wie die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) mitteilte. Das Beben mit Epizentrum südlich von Au hatte eine Stärke von 2,7 auf der Richter- Skala. Schäden an Gebäuden entstanden auch hier nicht.

Nachbeben ist unwahrscheinlich
In der Schweiz kommen pro Jahr regelmässig etwa 10 bis 15 Erdbeben vor. Ausgelöst werden sie durch Spannungen in der Erdkruste. Die wiederum werden durch die Kollision der adriatisch-afrikanischen mit der europäischen Erdplatte hervorgerufen. Die Verschiebung der Erdplatten betrage zwar gerade 1 Milimeter pro Jahr, könne aber zu den Erdbeben führen. Dem Beben von gestern Nacht folgten zwei schwächere Nachbeben mit einer Magnitude von 2,1, wie die Fachleute die Stärke der Beben auch bezeichnen. Diese hätten aber von der Bevölkerung nicht gespürt werden können. Ist mit einem weiteren, stärkeren Beben zu rechnen? «Das kann nie ausgeschlossen werden, denn Beben treten zufällig auf», sagt Stefan Wiemer, «allerdings ist das sehr unwahrscheinlich.»

Grosse Angst, kleiner Schaden
Wie kann es sein, dass die Leute in der Region einen «gewaltigen Stoss» wahrgenommen haben, die Wissenschafter am SED aber von einem schwachen Beben sprechen? «Dass man an und für sich schwache Erstösse als stark empfindet, ist nicht erstaunlich. Es kommt darauf an, wo man sich befindet und was man gerade tut», sagt Wiemer. Gerade nachts seien Erdbeben beängstigend: «Man erwacht vielleicht aus dem Schlaf, dazu kommt ein Klirren. Das kann schon erschreckend sein, auch wenn der Schaden gegen null tendiert.»

Denn gefährlich sind Erdbeben dieser Stärke nicht. Dass zum Beispiel eine Hauswand durch ein Beben von der Stärke des Gossauer Bebens einstürze – das sei völlig ausgeschlossen. Ab einer Magnitude von 3,5 erst könnten Risse im Verputz auftreten. Die Schäden seien auch dann noch eher kosmetisch als strukturell.

Panzer oder Beben?
Derzeit ist in der Region Wil die Panzerbrigade 11 mit zwei Bataillonen präsent. Ob alle die gleichen nächtlichen Geräusche und Erdbewegungen registriert haben oder ob der eine oder andere die Verschiebung von 90 Militär-Raupenfahrzeuge mit dem Erdbeben verwechselt haben, bleibt dahin gestellt. Stefan Wiemer: «Dass manche die Panzergeräusche als Erdbeben wahrgenommen haben, kann schon sein. Allerdings verursachen Panzer andere Geräusche: Der Ton ist länger, dumpfer und tiefer.»

Der Schweizerische Erdbebendienst (SED)


Der Schweizerische Erdbebendienst (SED) ist dem Institut für Geophysik an der ETH in Zürich angegliedert. In der Schweiz unterhält er 35 Messstationen, die alle das Beben von heute Morgen aufgezeichnet haben. Am stärksten registrierte die nahe Gossau gelegene Station «Wila» den Erdstoss. Die Daten wurden daraufhin per Internet zum SED transferiert, wo sie innerhalb von 20 bis 30 Sekunden ausgewertet wurden. Per SMS gelangte eine Meldung an die Geologen, die zu entscheiden hatten, ob eine weitere Auwertung der Daten nötig ist. Die Antwort im Gossauer Fall war Nein. Mit 2,9 war das Beben sogar zu schwach für eine Medienmitteilung: Die wäre erst ab einer Magnitude von 3,0 verschickt worden.