Justiz
Prostituierte siegt vor Bundesgericht: Wer Sexarbeit beansprucht, muss zahlen

Das Bundesgericht hat ein Urteil des Kantonsgerichts St.Gallen bestätigt und einen Freier wegen Betrugs bestraft, weil er eine Frau um den Dirnenlohn prellte. Die Sexarbeit sei nicht sittenwidrig und deshalb habe auch eine Prostituierte Anspruch auf das versprochene Entgelt.

Rolf Vetterli
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Sexarbeiterinnen sind kein Freiwild mehr: Sie können ihr Entgelt nun einklagen.

Sexarbeiterinnen sind kein Freiwild mehr: Sie können ihr Entgelt nun einklagen.

Bild: Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Ein dreissigjähriger Student der Betriebswirtschaft gab bei einem Online-Marktplatz folgende Kleinanzeige auf: «Hallo ihr Süssen, suche eine junge W (bis 25), welche 2000 Fr. verdienen möchte!» Auf diese Annonce meldete sich eine weibliche Person im passenden Alter, die anscheinend ebenso ahnungs- wie mittellos war, und fragte, was sie denn tun müsse. Der Inserent, der sich Andreas nannte, teilte ihr mit, sie brauche bloss eine Nacht mit ihm zu verbringen. Nachdem die Frau etwas zögernd zugestimmt hatte, holte er sie in einem schicken Auto ab und fuhr mit ihr zu einem Hotel, das in einem umgebauten Silo ohne Personal betrieben wird. Unterwegs erzählte er ihr, dass er an der Börse tätig sei, und versicherte, dass sie das versprochene Geld am nächsten Morgen bekomme. Im Hotel hatten die beiden mehrmals Geschlechts­verkehr.

Als die erschöpfte Sexualpartnerin um drei Uhr früh erwachte, war der Mann ohne Bezahlung verschwunden und hatte die Datenspur auf ihrem Handy gelöscht. Die Frau alarmierte die Polizei, welche sie mitleidig zum Bahnhof brachte. Erst dort entdeckte sie, dass ihr Portemonnaie leer war. Der Freier hatte ihr auch noch die letzten vierzig Franken entwendet. Darauf fuhr die Frau schwarz nach Hause und wälzte dunkle Gedanken.

Bedingte Geldstrafe und Schadenersatz

Die Staatsanwaltschaft spürte den falschen Andreas bald auf und klagte ihn unter richtigem Namen an wegen Betrugs, Datenbeschädigung und geringfügigen Diebstahls. Das Kreisgericht St.Gallen verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe von fünfzig Tagessätzen und verpflichtete ihn, der Klägerin Schadenersatz im Umfang von 2’040 Franken zu leisten.

Darauf wandte sich der Beschuldigte an das Kantonsgericht und verlangte einen Freispruch, verbunden mit einer Abweisung der Zivilforderung. Vor Gericht bestritt er sämtliche Vorwürfe und trug eine eigene Version vor: Er habe, wie es im Sexgewerbe üblich sei, der Frau gleich nach der Ankunft im Hotel ein Couvert mit zwei Tausendernoten übergeben. Nach wiederholtem Geschlechtsakt habe er ein wenig Fussball geschaut und ein bisschen geschlummert. Dann habe er nochmals «seinen Spass» haben wollen. Die Frau habe aber gefordert, dass er dafür extra bezahle. Als er sich weigerte, habe sie ihm heimlich aufgenommene Nacktfotos gezeigt und mit einer Veröffentlichung gedroht. Da habe er seine Sachen gepackt und sei wortlos gegangen.

Der Gerichtsvorsitzende hielt dem Freier vor, dass er damals weder Einkünfte hatte noch Vermögen besass, und wunderte sich, woher der grosse Betrag gekommen sei. Der Mann behauptete, er habe jahrelang sämtliches Kleingeld in eine Vase gesteckt und diesen Sparbatzen verwendet, um sich nach dem Studienerfolg «ein Goodie» zu gönnen. Allerdings hatte er früher ausgesagt, er habe die Münzen in die Zählmaschine einer Bank geworfen. Diesmal erklärte er, sie in Rollen verpackt und auf der Post gewechselt zu haben. Der Student dachte auch nicht mehr daran, dass die Abschlussprüfungen damals noch gar nicht begonnen hatten. Es gab demnach keinen Grund zum Feiern. Die Geschichte erwies sich als aufgelegter Schwindel.

Dirnenlohn ohne rechtlich anerkannten Wert

Die amtliche Verteidigerin unternahm pflichtgetreu den Versuch, die Haut ihres Mandanten doch noch zu retten. Wer eine Prostituierte über seinen Zahlungswillen täusche, begehe keinen Betrug. Eine Dirne könne das vereinbarte Entgelt nicht einklagen, wenn der Freier nicht von sich aus bezahle. Das Gericht dürfe ein vom Zivilrecht missbilligtes Geschäft nicht mit strafrechtlichen Mitteln durchsetzen. So sonderbar diese Verteidigungsrede auch klingen mochte, sie folgte durchaus einer juristischen Logik.

Der Dirnenlohn wurde bisher als sittenwidrig betrachtet und hatte keinen rechtlich anerkannten Wert. Diese wahrhaft altväterische Auffassung wirkte sich auch auf das Strafrecht aus. Dort wird das Vermögen gewöhnlich definiert als Summe aller rechtlich geschützten Güter. Bekamen Freier für ihr «gutes Geld» keine Gegenleistung, so waren sie betrogen. Wurden hingegen Prostituierte um ihren Verdienst gebracht, galten sie nicht als geschädigt. Der gleiche Staat, der ihr Einkommen strikt besteuerte, hinderte sie daran, es ehrlich zu verdienen.

Prostitution ist «sozialüblich und zulässig»

Nun erhielt die Justiz wieder einmal Gelegenheit, sich zum Verhältnis von gesellschaftlicher Moral und sexueller Dienstleistung zu äussern. Das Kantonsgericht gelangte zur Einsicht, dass die weit verbreitete Form der Prostitution, die von Erwachsenen selbstbestimmt ausgeübt wird, zu respektieren sei, und wies die Berufung ab.

Das Bundesgericht hat dieses Urteil jetzt bestätigt. Die Prostitution sei als «sozialübliche und zulässige Tätigkeit» aufzufassen, weshalb der damit erzielte Verdienst auch vom Strafrecht geschützt werden müsse. Im besonderen Fall habe das Opfer zwar etwas leichtsinnig gehandelt, weil es nicht auf einer Vorauszahlung bestand. Selbst ein gewisses Mass an Naivität genüge aber nicht, um eine Arglist des Täters auszuschliessen. Damit steht endlich fest: Sexarbeiterinnen sind kein Freiwild mehr.