Plastische Chirurgie

Mit neuer Nase an die Sitzung: Das Geschäft der Schönheit boomt

Körperliche Fitness, mentale Stärke und ein attraktives Äusseres gelten gemeinhin als die Kardinalsattribute für ein erfolgreiches Managerleben. Immer mehr Geschäftsleute lassen sich das Gesicht liften – Schönheit macht sie erfolgreicher.

Die Klinik für plastische Chirurgie steht im noblen Seefeldquartier. Der Blick geht direkt auf den Zürichsee. Das mit Parkett und Ledersesseln ausgestattete Wartezimmer gleicht einem Wohnzimmer. Die Arztgehilfinnen perfekt geschminkt wie damals Kleopatra, lächeln hübsch und sanft. Alles hat Stil. Roger Gmür empfängt in weissem Mantel, entspannt, adrett, glatte Stirn.

«Ja», meint der Chirurg gelassen, «Männer machen heute rund einen Fünftel der Patienten aus.» Sie kämen nicht wegen gesundheitlicher Probleme, geschwollener Augen, allzu runder Bäuche, die Beschwerden beim Sport hervorrufen.

«Sie wollen gut aussehen. Manche, weil sie im Beruf frisch wirken müssen.» Da seien deshalb neben den vielen jungen Männern auch die über 50-jährigen Herren, meistens gut betuchte, die sich so eine teure Operation leisten können.

Heute kann jeder gut aussehen, wenn er Zeit und Geld investiert. Das Aussehen ist nicht mehr ein demütig hinzunehmendes Schicksal, mit dem man klarkommen muss.

Ein athletisch wirkender Körper, der mentale Fitness impliziert, auf Gesundheit schliessen lässt, auf Energie und – besonders wichtig – auf Erfolg, ist heute Pflicht. Ein Beispiel: CS-CEO Brady Dougan mit Jahrgang 1959 wirkt wie ein sportlicher 40-Jähriger. Man rechne.

Schöne Angestellte verdienen mehr

Daniel Hamermesh, Wirtschaftsprofessor der Universität Texas, schrieb ein Buch mit dem Titel «Schönheit zahlt sich aus». In vielen Studien, die er über zwanzig Jahre zusammentrug, stellte sich heraus, dass attraktive Mitarbeiter rund fünf Prozent mehr pro Jahr verdienen.

«Schönheit wird mit Geld belohnt», sagt der Wissenschafter. Die aktuellste Statistik der US-Gesellschaft für ästhetische Chirurgie besagt, dass immer mehr Männer dem durchschnittlichen Aussehen einen Tritt verpassen.

Gesässimplantate hätten zurzeit allerdings einen Rückgang zu verzeichnen (minus 24 Prozent), dafür hätten aber die Brust-OPs, Gynäkomastie genannt, bei Männern zugenommen (plus fünf Prozent). Auffällig auch die Zunahme von Haartransplantationen und Injektionen im Gesicht.

Wie aber wird ein Mann schön? «Heute operieren und modellieren wir», erklärt Roger Gmür. «Allerdings sind die Zeiten der Hautstraffung vorbei. Wir nannten es ‹das Fell über die Ohren ziehen›.» Die Krux: Schönheitsmale landeten nach dem Ziehen unerwartet auf dem Wangenknochen.

Nun geht es so: Bei einer Mittelgesichtshebung wird das Gewebe endoskopisch mit nur kleinen, später unsichtbaren Schnitten über der Schläfenregion repositioniert. Hierbei entstehen kaum Schwellungen oder Blutergüsse.

Viel Zeit für das Beratungsgespräch nimmt sich der junge Chirurg, denn die Hemmschwelle, sein Gesicht zu verändern, ist trotz aussagestarker Statistik immer noch hoch. «Im Gegensatz zu vielen Frauen hinterfragen sich Männer, wenn sie in der Praxis sitzen», sagt Gmür. «Ich nehme ihnen dann die Angst vor der Veränderung.»

Filler über Mittag

Bei manchen sei der Eingriff dringend notwendig: Gewisse Männer kommen mit einem regelrechten Schlafzimmerblick. Da lässt sich Gmür nicht zweimal bitten. «Denn so wirkt man natürlich auch ausgeschlafen sehr müde.»

Hier kann der Chirurg mit einer kleinen Operation, die rund 4000 Franken kostet, sogar Leid lindern und das Aussehen des Patienten merklich auffrischen. Ist die Wunde abgeheilt, gehts ans Modellieren. Wangen, Stirn und Kinn werden mit sogenannte Fillern aufgepeppt.

Gewisse Patienten schicke er aber auch wieder nach Hause, wenn er merke, dass der Patient im Handumdrehen makellos aussehen wolle, was unmöglich sei. «Eine Operation ist auch mit Risiken verbunden. Die Heilungszeit dauert teilweise zwei Wochen und ist nicht ganz schmerzfrei. Das muss man wissen.»

In der Klinik Smoothline am Zürcher Bahnhofplatz sind auch Mittagspausenpatienten willkommen. Solche, die schnell ihr Gesicht über Mittag auffrischen wollen. Das stetig wachsende Team unterspritzt die Haut mit Fillern.

Im Gegensatz zu Botox ist dies ein «natürliches» Produkt, das sich mit der Zeit in der Haut selbst auflöst. Smoothline macht keine Operationen. Sie kümmert sich allein um die Elastizität der Haut, die ab 35 Jahren kontinuierlich abnimmt.

Diese kostet aber auch etwas. Eine Krähenfüssebehandlung um die Augen wird mit 300 Franken bezahlt. Zornesfalten 400 Franken. Im Kombi-Paket kostet die Behandlung 100 Franken weniger.

Mit OP-Verbänden auf der Strasse

Chirurg Gmür ist davon überzeugt, dass das Stiefkind «Plastische Chirurgie» schon bald in der Öffentlichkeit Anerkennung findet. Er resümiert gelassen: «Im Libanon ist es sogar üblich, mit den OP-Verbänden und blau unterlaufenen Augen durch die Strassen zu gehen. Patienten präsentieren so ihr Geld.»

Die Hemmschwelle zur Gesichtsoperation sinkt. Das gibt jede Menge Arbeit. Insbesondere, weil die Menschen immer älter werden. Noch ein weiterer Grund lässt aber die Leute in die Praxen strömen: Wenn die operierten Herren ab- oder zunehmen, verändert sich auch die Gesichtsform. Dann stehen sie schnell wieder auf der Matte und bitten um Spritze oder Messer.

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