Mit dem Liestal Air und dem Imagine Festival geht morgen Freitag die Open-Air-Saison in der Region so richtig los. Dies bringt uns unter anderem auch ein ganz neues Festival: Die «River Nights» in Rheinfelden, die vom Prattler Z7 veranstaltet werden. Dort wird auch Ira May auf der Bühne stehen.

Ira May, Sie treten unter anderem bei den «River Nights» und bei «Em Bebbi sy Jazz» auf. Freuen Sie sich auf die Festivalsaison?

Ira May: Ja, besonders weil wir draussen spielen können. Ausser wenn es richtig heiss ist, dann ist das eine Qual. Aber Festivals haben immer eine ganz besondere Atmosphäre, das ist cool.

Dann treten Sie lieber an Festivals auf als an einem normalen Konzert?

Das würde ich so nicht sagen. Es sind auf jeden Fall zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen. Aber am Schluss kommt es bei jedem Auftritt auf das Publikum und die Stimmung an. Diese kannst du nur bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Manchmal will es einfach nicht klappen. Vor kurzem spielten wir in der Mühle Hunziken in Rubigen. Es kamen nicht besonders viele Leute, aber die Stimmung war so gut, dass es eines der geilsten Konzerte war, das wir je gespielt haben.

(Quelle: youtube.ch/peripheriquemusictv)

Ira May – Bigger Plan

Besuchen Sie denn auch privat Festivals?

Sehr selten. Eigentlich würde ich gerne mehr gehen. Dort entdeckt man ja auch immer wieder neue Künstler. Aber wenn ich ein Konzert unbedingt besuchen möchte, gehe ich ganz gezielt hin. Im vergangenen Jahr war das aber gerade einmal eines: Hozier trat in Montreux auf.

Sie gehen nicht nur auf wenig Konzerte, Sie geben dieses Jahr auch nicht viele – zumindest wenn man Ihr aktuelles Programm mit Ihrem Tourneeplan aus dem Jahr 2014 vergleicht.

Das ist ganz gezielt so. Vor allem im Hinblick darauf, dass im August oder September mein zweites Album erscheinen wird. Ich habe keine Lust, all meine Energie vorher schon aufzubrauchen. Nachdem ich 2014 ein Dreivierteljahr lang auf Tournee war, war ich völlig erschöpft. Es ist nicht so, dass es mir keinen Spass macht, aufzutreten. Aber während es Künstler gibt, denen es Energie gibt, auf der Bühne zu stehen, raubt es mir meine. Das weiss ich jetzt und muss deshalb schauen, dass mein Tourplan in einem Rahmen bleibt, der für mich stimmt.

Ira May – Let You Go

Haben Sie sich übernommen, als Ihre Karriere 2014 plötzlich abhob?

Wir waren einfach nicht darauf vorbereitet. Wir hätten nie gedacht, dass daraus so etwas Grosses werden würde. Plötzlich kriegte ich Panikattacken auf der Bühne. Das soll jetzt nicht nur negativ klingen: Ich habe so viel Schönes erlebt und an wahnsinnig tollen Orten gespielt. Aber ich musste eben auch lernen, dass dieser endlose Tourneeplan für mich zu viel ist. Ich weiss jetzt aber auch, dass das in Ordnung ist so. Das bin einfach ich. Viele Leute laufen am Limit. Deshalb spreche ich auch so offen darüber: Das ist nichts, was man tabuisieren muss.

2015 aber haben Sie sich dann eine Auszeit genommen.

Das musste ich. Ich hatte Angstzustände, Panikattacken, konnte das Haus nicht mehr verlassen. Ohne Therapie hätte ich da nicht wieder herausgefunden. Als komplett geheilt würde ich mich noch immer nicht betrachten. Ich muss weiter an mir arbeiten und meine Grenzen einhalten. Zuerst war es für mich, als hätte ich meinen Lebenssinn verloren: Seit ich fünf Jahre alt bin, will ich nichts anderes machen als singen. Und jetzt habe ich diese Gelegenheit und breche zusammen. Jetzt weiss ich aber, dass das kein Grund ist, aufzugeben. Ich muss mir einfach Grenzen setzen. Wenn ich von der Musik leben wollte, müsste ich jede Woche Gigs spielen. Das liegt eben nicht drin.

Stehen Sie überhaupt gerne auf der Bühne? Ich habe immer wieder über Sie gelesen, dass Sie lieber im Studio sind.

Die richtig grossen Glücksgefühle erlebe ich tatsächlich im Studio. Wenn ich einen Song schreibe und ihn dann aufnehme, dann erschaffe ich etwas Neues. Dieses Hoch ist viel grösser, als wenn ich zum 20. Mal den gleichen Song spiele. Aber natürlich ist das direkte Feedback des Publikums etwas unglaublich Schönes, das mir auch sehr viel gibt.

Ihr zweites Album ist fertig geworden. Stehen Sie nun schon für das dritte im Studio?

Nein, aber wir wollen bald zurück ins Studio, weil wir gerade so im Fluss sind.

Ist Ihr zweites Album denn ähnlich wie Ihr erstes?

Es gibt gewisse Lieder, die ans erste Album anknüpfen. Aber viele Songs sind sehr anders ausgefallen, manche haben Hip-Hop-Einflüsse, sind teilweise funky. Auch richtig krasse Balladen hat es auf der neuen Scheibe. Ich habe auf dem Album viele Erfahrungen aus dem letzten Jahr verarbeitet. Das heisst, die Texte sind teilweise richtig heavy. Aber ich finde das wichtig. Es gibt so viele Leute, die unter demselben leiden wie ich. Das ist nichts, was man zu Tode schweigen sollte.

Zeigt Ihr neues Album besser, wer Sie wirklich sind?

Genau. Es fühlt sich sogar an, als wäre es mein erstes richtiges Album. Das heisst nicht, dass mein erstes nicht gut wäre. Aber damals wussten wir gar nicht so richtig, was wir überhaupt machen sollen. Mit dem zweiten Album fühle ich mich richtig wohl. Es wird sicher kritischer betrachtet werden als mein erstes. Aber das ist in Ordnung, ich stehe zu 100 Prozent hinter jedem einzelnen Song.