Ist der Mensch ein monogames Wesen? Und wenn ja: Gilt das auch für den körperlichen Bereich? Diese beiden Fragen gehören wohl zu den ältesten der Menschheit. Eine universal gültige Antwort darauf zu finden ist unmöglich. Sicher ist aber, dass in unseren Breiten heute kaum mehr gehemmt über dieses Thema gesprochen wird.

Seit Ehebruch kein Straftatbestand mehr ist (in der Schweiz erst seit 1989), existiert ein öffentlicher Markt für Seitensprünge. Dank des Internets floriert dieser mehr als je zuvor. Mittlerweile tummeln sich unzählige Anbieter von Plattformen: einige höchst exklusiv, andere verschwindend klein.

Der Branchenbeobachter singleboersen-vergleich.ch listet die beliebtesten Sites auf und bewertet deren Service. Geschäftsführer Daniel Baltzer ist eine Koryphäe auf dem Gebiet. Er wurde in den vergangenen Jahren häufig in den Medien zitiert. Baltzer sagt, sein Vergleichsdient arbeite unabhängig, räumt aber ein, eine Provision pro vermittelten Kunden zu erhalten. Es solle aber kein falscher Eindruck entstehen: «Die Anbieter haben es selbst in der Hand, wie weit oben im Ranking sie erscheinen. Wir bevorzugen niemanden und lassen uns nicht kaufen», sagt der in der Schweiz wohnhafte Deutsche.

«Portal für Rentner wäre lukrativ»

Baltzer konstatiert, dass der Schweizer Markt – Jahresumsatz 2011: über 33 Millionen Franken – übersättigt sei. Zehn nennenswerte Anbieter wetteiferten um die Gunst von aktuell 120 000 bis 150 000 Personen, von denen Schätzungen zufolge mindestens 70 Prozent Männer sind. Neulingen, die auf den fahrenden Zug aufspringen wollen, traut er keine Zukunft zu. «Die grosse Zeit war von 2000 bis 2005, heute ist eine Firma ohne originelles Konzept bald tot.»

Man müsse sich «auf Nischen stürzen», wie das in Deutschland der Fall sei: «Da gibt es ein Portal, das sich ausschliesslich an Schichtarbeiter wie Polizisten, Ärzte, Automobilangestellte und so weiter richtet», führt er aus. Baltzers Tipp für ein erfolgsversprechendes Portal: «Für Personen über 65 Jahre».

Trotz düsterer Prognose des Experten versuchen sich zwei neue Anbieter in der (Deutsch)Schweiz: SwissInfidelity.ch. und VicotriaMilan.ch. Ersterer hat sich als Jungunternehmen nach eigener Aussage in der Romandie etabliert und expandiert nun, Letzterer gehört zu einem grossen internationalen Netzwerk, das seinen Ursprung in Skandinavien hat und in der Schweiz ein attraktives Umfeld sieht. Entsprechend unterschiedlich sind die Erwartungen: Die kleine Firma möchte erst einmal im neuen Gebiet Fuss fassen, während die arrivierte bis Ende des laufenden Jahres die Marke von 200 000 Kunden anstrebt.

«Agentur rettet Ehen»

SwissInfidelity.ch wurde nach eigener Aussage von den Geschwistern Cindy (29) und Christophe (26) Leuenberger im Berner Seeland gegründet. Sie setzen ihre Hoffnungen auf einen gelingenden Geschäftsgang in «die sich ständig wandelnde Gesellschaft» und sind überzeugt davon, ein Bedürfnis zu erfüllen. Cindy Leuenberger behauptet pointiert: «Der Seitensprung ist unglücklicherweise die Zukunft.»

Sigurd Vedal, CEO und Gründer von Victoria Milan, sieht den Seitensprung als Wesenszug des Menschen. «Untreue gibt es seit Beginn der Menschheit. Sie war immer da und wird immer da sein.» Moralische Bedenken seien später von Gesellschaft und Religion aufgebaut worden. Vedal glaubt, dass seine Firma Ehen rettet und zitiert eine eigene Studie: «73 Prozent unserer Mitglieder sehen uns als Alternative zu einer Scheidung.»

Übrigens: Weder der «glücklich verheiratete» Familienvater Sigurd Vedal noch die Single-Frau Cindy Leuenberger hätten selbst Erfahrungen mit Seitensprüngen gemacht, wie sie auf Anfrage mitteilen.