Wahlen Frankreich
Marine Le Pens Schandfleck: Die nackige Mutter

Im Rennen um die Präsidentschaft hat Marine Le Pen einen respektablen Sieg errungen. Damit ist sie ihrem Ziel, die Front und ihren Vater zu rehabilitieren, ein Stück näher gekommen. Nur ihre Mutter wird Marine Le Pen nicht los.

Claudia Landolt
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Pierette Lalanne

Pierette Lalanne

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Marine Le Pen ist das Kind ihres Vaters. Das breite Lachen, die Gestik ihrer Arme, die, nach oben gestreckt, die ganze Welt, vor allem aber ihre Wählerschaft, umarmen scheinen. Ihre Mutter Pierette sagt über die jüngste ihrer drei Töchter: Marine ist das Ebenbild ihres Vater («Le clone de son père», sagt ihre Mutter). Über 20 Jahre arbeitet sich die Anwältin Marine in der Front National empor, bis sie im Januar 2011 deren Präsidentin wird.

Am Wahlsonntag, als sie hinter Hollande und Sarkozy als «dritter Mann» (Le Monde) triumphiert, scheint sie dort angekommen zu sein, wo sie immer hin wollte: In den Höhen der ernsthaften, respektierten französischen Politik. Es wird mehr als blosse Genugtuung sein für sie, die nicht nur ihren kritisierten, bedrohten und verurteilten Vater Jean-Marie rehabilitieren will, sondern vor allem auch ihre eigene Rehabilitation der Zukurzgekommenen.

Pierette Lalanne, die Mutter von Marine Le Pen Um sich an ihrem Mann Jean-Marie zu rächen, zog sich Pierette 1987 nach 22 Ehejahren für den Playboy aus und posierte als besondere Putzfrau. Denn er sagte er, wenn sie Geld brauche, solle sie doch putzen gehen. Das erotische Hausmädchen war die Antwort darauf.

Pierette Lalanne, die Mutter von Marine Le Pen Um sich an ihrem Mann Jean-Marie zu rächen, zog sich Pierette 1987 nach 22 Ehejahren für den Playboy aus und posierte als besondere Putzfrau. Denn er sagte er, wenn sie Geld brauche, solle sie doch putzen gehen. Das erotische Hausmädchen war die Antwort darauf.

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Durch Erbschaft reich geworden

Was Marine aber verschweigt: Es ist auch die Rache an der eigenen Mutter Pierette, die Überwindung eines Kindheitstraumas. Pierrette, ein früheres Pinup-Girl, nie ökonomisch unabhängig war, sondern stets nur Madame Le Pen. 1935 geboren, wurde sie mit 25 Jahren die Ehefrau von Frankreichs meist gehasstem Menschen, einem, der den Holocaust leugnete und Adolf Hitler «Oncle Dolphi» nannte. Die Le Pens führten - dem millionenschweren Erbe eines anonymen Industriellen mit nationalistischem Gedankengut sei dank - ein ausschweifendes Leben inmitten des Speckgürtels von Paris, im Nobelvorort Saint-Cloud, wo die Reichsten der Reichen wohnen.

Eine bourgeoise Gegend, in der man die Nase rümpfte über die ausschweifenden Parties und Orgien bei den verhassten Le Pens. Die Kidner selbst, so erzählte die Schwester von Marine einmal, sei unschön gewesen, geprägt von Angst und Gehorsam. Aufgezogen von einer bretonischen Nanny, hätten sie alles getan, um die Liebe der Eltern zu gewinnen: «Wir schlugen uns, nur um die Aufmerksamkeit des Vaters zu erlangen.»

Übermächtiger Vater

Die Mutter, blond und langbeinig wie ihre Tochter, bleibt eine schwache Figur. 1984 kam es, man kennt die Gründe nicht, zur Trennung zwischen Jean-Marie und Pierette. Ihres rechtsradikalen Mannes überdrüssig, brannte Pierette mit dem Biographen ihres Mannes durch. Wenig später zeigte sie sich, gewandet mit einem weissen Blazer mit Superschulterpolstern und einem Champagnerglas, vor den Fernsehkameras und klagte, ihr Noch-Ehemann würde ihr keinen Sou zugestehen. Die Schlammschlacht war lanciert. Er versteckte die Urne ihrer Mutter, sie gab ihm seinen Glücksbringer nicht zurück.

Pierette Lalanne-Le Pen machte ihren Geldmangel öffentlich, er riet ihr doch, putzen zugehen. Pierette, mit knapp 52 noch immer eine schöne, blonde, elegante Frau, zieht die Konsequenzen und rüstet sich für einen veritablen Coup. Sie posiert im «Playboy» als Edel-Putzfrau, und gibt knackige Monströsitäten aus ihrem Privatleben preis. Ihre Töchter sieht sie 15 Jahre lang nicht wieder. Die älteste der Mädchen, Yann, erfährt auf ihrer Hochzeitsreise vom Skandal ihrer Mutter, als sie in Bangkok vor einem Kiosk lesen muss: «Madame Le Pen fait le Ménage». Marine sagt nur: «Eine Mutter ist ein geheimer Garten und kein öffentliche Deponie».

Marine hat also früh erfahren, was es bedeutet, den Vater zu verlassen: Das Ende der Loyalität. Das Schicksal als Nackedei in einer Postille. So studierte sie Jura, wurde bald schon in den Regionalrat gewählt, und machte ihrer Rolle als Lieblingstochter ihres Vaters alle Ehre. Am Sonntag erlangte sie, die stets den rechten Kurs einschlug, ein Glanzresultat.

Le Pen heisst auf bretonisch: Chef

Den Ausbruchsversuch hat Pierette, Marines Mutter, übrigens längst bereut. Fünfzehn Jahre nach ihrem Abzug, und fünfzehn Jahre, in denen sie ihre Töchter nicht mehr zu Gesicht bekam, kam sie zurück, wie es ihr Ehemann Jean-Marie einst prophezeit hatte: Auf den Knien: «On ne quitte pas Le Pen. Avis aux élécteurs!»