David Weber

«Hier lernt man das Alltägliche», sagt S. Der 50-Jährige sitzt im Garten des ehemaligen Kinderheimes auf der Klosterfiechten, auf dem Bruderholz am Basler Stadtrand. Am grossen Magnolienbaum hängen noch einige letzte Blüten. Zucchini wachsen im Gemüsegarten gleich hinter dem mit Reben berankten Haus, daneben ein «Feld» Basilikum.

Das «Alltägliche», das hat S. während seiner 20-jährigen Drogenzeit verlernt. Süchtige leben in einer eigenen Welt. Auf die reale Welt wurde er auch nicht im geschlossenen Strafvollzug vorbereitet. Ein Jahr sass er im Gefängnis. «Wegen Drogensachen.» Dazu kam nach einer Schlägerei noch Körperverletzung. Insgesamt erhielt S. 23 Monate und 23 Tage. Seit zehn Monaten ist er nun im Vollzugszentrum Klosterfiechten, das sich seit 1989 zum Kompetenzzentrum für offenen und alternativen Strafvollzug entwickelt hat.
«Ist das immer noch Strafe?»

Von aussen sieht man dem herrschaftlichen Haus gleich neben dem Bauernhof die Strafvollzugsanstalt nicht an. Gitter hat es nur an einigen wenigen Fenstern. In den oberen Stockwerken, weil die Klosterfiechten vor fünf Jahren vorübergehend Häftlinge aus überfüllten Basler Gefängnissen übernommen hat. Und im Kellergeschoss, wo die Werkstätten sind, weil hier mehrmals eingebrochen wurde, wie Ursicin Poltera erklärt. Der Leiter der Klosterfiechten lächelt. Einbrüche in Strafvollzugsanstalten? Ja, auch das gibt es.

Derzeit zählt das Vollzugszentrum acht Insassen. Die meisten haben bereits die Hälfte einer mehrjährigen Haftstrafe im normalen Vollzug abgesessen und verbringen nun den letzten Teil ihrer Haftstrafe im alternativen Strafvollzug. Vier arbeiten in der Anstalt, vier weitere sind im sogenannten Arbeitsexternat (siehe Box). Weitere acht befinden sich im Electronic Monitoring (siehe Text unten).

«Ist das immer noch Strafe?», wenn jemand auswärts arbeiten kann, und einfach zu bestimmten Zeiten zu Hause oder in er Vollzugsanstalt sein muss? Diese Fragen hören Poltera und sein Stellvertreter Daniel Beyeler oft. Beide antworten mit einem überzeugten «Ja». Auch der alternative Strafvollzug stellt einen schwerwiegenden Eingriff der Staatsgewalt ins Leben der Strafverbüssenden dar, die nicht individuell bestimmen können, wann sie wo sein wollen. Beyeler spricht von einem «psychischen Druck».

«Was ist die Alternative?»

Poltera meint: Die Frage sei doch: «Was ist die Alternative?» Irgendwann werden die meisten Häftlinge entlassen und müssen sich wieder in der Gesellschaft zurechtfinden. Das Ziel könne ja nicht sein, die Insassen «zu brechen». Arbeitsexternat und elektronische Überwachung seien gute Vollzugsstufen, um Sozialkompetenz und Selbständigkeit anzutrainieren, ist Poltera überzeugt.

«Im Strafvollzug verlieren Häftlinge Autonomie. Entscheidungen werden ihnen abgenommen.» Sie versuchten hier, den Strafverbüssenden diese Kompetenzen wieder zurückzugeben, die «Prisonierungsschäden» zu beheben. Eine geregelte Arbeit, Unterstützung von Fachleuten, gemeinsamen Nachtessen (montags) oder Putzämtli in den Wohneinheiten - das alles soll dazu beitragen.

Offener Strafvollzug, das heisst mehr Freiheiten, aber mit klaren Regeln. «Es ist eine Gratwanderung zwischen Repression und Fördern», schildert Poltera. Auf Pünktlichkeit wird grossen Wert gelegt. Kommt jemand auch nur wenige Minuten zu spät von der Arbeit zurück, gibt es Sanktionen. «Das Regime kann schnell umschlagen», berichtet Poltera. Kommt jemand nicht zurück, wird er zur Fahndung ausgeschrieben; hält sich einer wiederholt nicht an Abmachungen, wird er von der Polizei zurück in den geschlossenen Strafvollzug gebracht. «Dazu kommt es aber sehr selten», so Poltera.

Das Leben in den Griff kriegen

Die Insassen kennen das Gefängnis. Sie schätzen die grösseren Freiheiten im offenen Vollzug und wollen diese nicht aufs Spiel setzen. Auch S. nicht. Er sieht das Arbeitsexternat als «Ansporn», als «Chance, um zu einem normalen Leben zurückzufinden», erzählt der frühere Offsetdrucker und Post-Mitarbeiter, der derzeit einen ambulanten Drogenentzug macht. «Es ist mir ernst», sagt S. bestimmt und wiederholt einen Satz zum x-ten Mal: «Ich will mein Leben wieder in den Griff kriegen.»

Im September kann S. entlassen werden. Davor habe er keine Angst. Im offenen Strafvollzug konnte er sein soziales Netz pflegen. «Meine beiden Kinder haben sich nie von mir abgewandt», sagt S. dankbar. Zudem habe er «jemanden kennengelernt». Das gebe ihm noch mehr Mut. Aber auch er weiss: In dieser Situation einen Job zu finden, ist schwierig.