Bettler haben immer Saison

Die Altstadt zieht seit jeher Bettler und andere dubiose Gestalten an. Die Stadtpolizei stellt in diesen Tagen eine grössere Aktivität dieser «Berufsgruppe» fest.

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Solothurner Zeitung

Christian Fluri

Die Frau mit den gelben Blumen schaut hastig nach rechts, dann nach links. Kurz darauf ist sie von der Hauptgasse verschwunden. Wenig später kontrollieren am anderen Ende der Altstadt zwei Stadtpolizisten einen jungen Mann. Die Blumen, die er in Händen hält und vor der Kontrolle den Passanten schon fast aufdringlich zum Kauf anbieten wollte, ähneln ungemein denen der hastigen Frau von der Hauptgasse. «Wir haben jeden Tag solche Leute in der Kontrolle», sagt Vize-Stadtpolizeikommandant Walter Lüdi. Mit «solche Leute» meint Lüdi Bettlerinnen und Bettler. Das Spektrum der Betätigungen reicht in diesem «Berufsfeld» weit: vom Sitzen auf dem Boden, über den Blumenverkauf bis hin zu einer manchmal sehr eigentümlichen Art von Strassenmusik.

Die Polizei hat im Umgang mit den meist aus Osteuropa stammenden Bettlerinnen und Bettlern das Recht auf ihrer Seite. Im «Gesetz über das kantonale Strafrecht und die Einführung des Schweizerischen Strafgesetzbuches» steht in Artikel 24 unter «Öffentlicher Belästigung»: «Wer aus Arbeitsscheu oder Habsucht bettelt, oder Kinder oder Personen, die von ihm abhängig sind, trotz vorangegangener behördlicher Verwarnung zum Bettel ausschickt, wird mit Haft oder Busse bestraft.» Was hier ziemlich kompliziert klingt, setzt die Stadtpolizei relativ simpel um: «Das erbettelte Geld wird von uns eingezogen», erklärt Lüdi.

Veränderte Verhaltensmuster

Die in letzter Zeit intensivierten Interventionen der Polizei scheinen Wirkung zu zeigen - zumindest auf das Vorgehen der Bettler. «Die Leute haben einfach ihre Verhaltensmuster verändert. Beispielsweise tragen sie jetzt nie mehr grosse Geldbeträge auf sich. Im Falle einer Kontrolle ist ihr Verlust damit geringer», so Lüdi. Und so kontrollieren die Beamten nun vermehrt auch in Zivil. «Wenn die eine Uniform sehen, ist das Geld schnell irgendwo versteckt oder übergeben. Wir gehen überdies davon aus, dass das Ganze mit Hintermännern organisiert ist.»

Polizei entscheidet über Musik

Zwar stellen die Gesetzeshüter in diesen Wochen einen grösseren Aktivismus der Bettlerinnen und Bettler fest, und auch deren Anzahl sei grösser, doch von einer Art Hochsaison will Walter Lüdi nicht sprechen. «Das Phänomen gibt es das ganze Jahr.»

Die Bevölkerung scheint sich weniger an den lediglich herumsitzenden Bettlern zu stören als vielmehr an «Strassenmusikanten», die oft gar keine sind. «Wer Strassenmusik darbietet, braucht eine Bewilligung», erklärt Lüdi. Diese Bewilligung gilt einen Tag und muss persönlich bei der Stadtpolizei beantragt und abgeholt werden. Damit erschöpft sich die Kontrolle aber auch schon. «Wir können ja nicht alle vorspielen lassen», so Walter Lüdi, der in Solothurn mittlerweile einen «Strassenmusikantentourismus» zu erkennen glaubt. Die Devise hier: Wer nicht «ansprechend» spielt - das Wort «ansprechend» steht so im «Marktreglement» - gilt als Bettler und muss mit seiner «Musik» aufhören.

Die Polizei lässt bei der Beurteilung der Qualität der dargebotenen Kunst laut eigenen Angaben den gesunden Menschenverstand walten. «Wenn da keine Töne rauskommen, ists nicht ansprechend, sondern öffentliche Belästigung.»