Birs
Birs lässt sich in kein Schema pressen

Aus Sicht des Naturschutzes hat die Birs zu wenig Geschiebe, aus Sicht der Kraftwerkbetreiber eher zu viel. Was die Birs mit dem Geröll macht, passt nicht allen.

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Birs lässt sich in kein Schema pressen

Birs lässt sich in kein Schema pressen

bz Basellandschaftliche Zeitung

Walter Brunner

Die Idylle an der Birs könnte trügen. Das Kies, das der Fluss abgelagert hat, bietet zwar Lebensraum für Pflanzen und Tiere, könnte sich aber bei einem neuen Hochwasser fatal auswirken. Denn je mehr Geschiebe im Flussbett liegt, desto weniger Wasser kann abfliessen. Werner Götz von Pro Natura Baselland warnt, dass sich in der Birs das Geschiebe teilweise an Stellen ablagere, die bei einem nächsten Hochwasser zu eng werden - weil die Birs ohnehin sehr wenig Platz habe.

Lebensräume gefährdet

Der Ingenieur Edmund Pucher von Electroplan, der sich seit Jahren mit der Birs befasst, bestätigt das Problem: «Der Geschiebetransport in der Birs ist heute extrem behindert. Dadurch könnte die Birs-Sohle verlanden, was für die Stadt Laufen eine extreme Bedrohung wäre.» Pucher und Götz sagen übereinstimmend, dass in der Birs eher ein Geschiebedefizit bestehe: Der Fluss reisst zu wenig Material mit und lagert zu viel ab.

Aus Sicht des Naturschutzes ist das nicht gut. Werner Götz befürchtet, dass die Poren von Sohle und Ufer der Birs verstopfen könnten, wenn sich das Geschiebe zu wenig bewegt. Dadurch würde der Austausch zwischen Fluss- und Grundwasser zum Erliegen kommen, was wichtige Lebensräume zerstören würde. Edmund Pucher betont, dass der Geschiebetransport gesetzlich vorgeschrieben sei. Da müssten die Betreiber der Kleinwasserkraftwerke in die Pflicht genommen werden.

Geschiebetransport nicht untersucht

Auch der Kanton Baselland schiebt die Probleme mit dem Geschiebe auf die Kleinwasserkraftwerke. «Im Rahmen der Konzession müssen die Kraftwerkbetreiber auf der Konzessionsstrecke gewährleisten, dass der Querschnitt der Birs nicht verengt wird», sagt Marcus Müller, Leiter des Baselbieter Amtes für Militär und Bevölkerungsschutz. Jaroslav Misun, Leiter des Geschäftsbereichs Wasserbau beim Tiefbauamt, bestätigt das. Manchmal bleibe bei einer künstlichen Einrichtung Geröll hängen. «Die Frage lautet dann: Wem gehört der Durchlass?»

Der Kanton und die Kraftwerke konzentrieren sich weniger auf den Naturschutz, sondern eher darauf, dass die Birs keine Probleme macht. Das mache sie in der Regel nicht, sagt Misun; sie sei nicht mit einem Bergbach vergleichbar, der viel Geröll mitreisse. «Und da wir keine konkreten Probleme haben, sind auch keine konkreten Massnahmen geplant.» Es gebe übrigens keine Untersuchung über das Geschiebe der Birs.

Keine Krise wegen des Gerölls

Im Bericht des Kantonalen Krisenstabs zum Hochwasser vom August 2007 wird das Geschiebe der Birs nur in einem Satz direkt erwähnt. Dort heisst es, die Betreiber der Wasserkraftwerke müssten allfällige Geschiebeablagerungen beseitigen. Auf die Anliegen des Naturschutzes geht der Bericht nicht ein. Marcus Müller, Leiter des Baselbieter Amtes für Militär und Bevölkerungsschutz, verantwortet den Bericht. Das Geschiebe sei kein Problem gewesen, deshalb sei es für den Bericht nicht von grosser Bedeutung, sagt er. Naturschutzfragen seien nicht Aufgabe seines Amtes. Nach dem Hochwasser habe sich allein in Laufen viel Geröll angesammelt, und das sei ja nachher von der EBM weggeschafft worden. «So lange das Geschiebe die vorgegebenen Querschnitte der Birs nicht verengt, muss man nicht handeln», sagt Marcus Müller. (bru)

Die angesprochenen Betreiber von Kleinwasserkraftwerken sind die Elektra Birseck Münchenstein (EBM) und die Adev Wasserkraft AG. Die EBM hat nach dem Hochwasser unterhalb des Wasserfalls in Laufen 2000 Kubikmeter Geröll weggeschafft, was etwa dem Volumen von fünf Einfamilienhäusern entspricht. «Bei Normalwasserstand ist aber vernachlässigbar, was von der Birs geschoben wird», sagt Joachim Krebs von der EBM. Seit er bei der EBM sei, habe man jeweils nur nach Hochwassern Geschiebe ausbaggern müssen.

Offenbar ist das Geschiebeproblem in der Birs komplex. Die Natur braucht wandernde Kiesbänke. Doch die Kraftwerke und die Stadt Laufen haben gerne möglichst wenig Kies, weil es die Stromproduktion behindern oder die Hochwassergefahr verschärfen könnte. Trotzdem ist das Geschiebe für Jaroslav Misun nicht nur schlecht: «Die Kiesbänke sind aus ökologischer Sicht willkommen und positiv.» Werner Götz von Pro Natura bekräftigt, frisches Geschiebe sei unverzichtbar zum Laichen für die Fische, besonders für Forellen.

Pro Natura schlägt Lösung vor

Für Götz ist klar: Natürliche Flüsse haben genügend Raum, um bei einem Hochwasser das Geschiebe weiter zu verfrachten. Am Hochrhein sei dieses Problem erkannt worden; dort befasse sich eine Arbeitsgruppe damit. Die Birs bräuchte eigentlich mehr Platz und weniger menschliche Eingriffe, damit der natürliche Geschiebebetrieb toleriert werde. «Das hilft am besten gegen Hochwasser, fördert die Vielfalt der Natur und erfreut uns Menschen.»

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