Samuel Misteli

Früher waren Rapper böse Buben. Rüpel in breiten Hosen, Schrecken aller Gross- und Schwiegermütter. Heute greifen Grossmütter im Emmental am Sonntagabend zum Telefonhörer, um ihrem Lieblingsrapper in den «Grössten Schweizer Hits» ihre Stimme zu geben. Und vor der ausverkauften Dreifach-Halle des Sportzentrums Zuchwil stehen am Samstagabend 2000 Leute Schlange, um denselben Rapper einmal in echt zu erleben.

Bligg ist ein Phänomen. Ein Phänomen, das zu einem guten Teil vom Fernsehen mitkreiert wurde. Das mutet etwas altmodisch an in Zeiten, in denen im Internet Tag für Tag neue Bands hochgejubelt werden. Es ist aber effektiv: Dreifach-Platin für das Album «0816» und bald 120 000 verkaufte Platten sprechen eine deutliche Sprache.

Rap und Volksmusik gibt Pop

Seit Bligg Rap und Volksmusik zu gefälliger Popmusik verschmilzt, ist er mehrheitsfähig. Er macht «Volksmusigg» im wahrsten Sinn des Wortes. Deshalb sprengt er mittlerweile die Dimensionen der Kulturfabrik Kofmehl. Und deshalb konnten am Samstagabend in Zuchwil vom 3- bis zum 60-Jährigen alle die unglückliche Liebesgeschichte von «Rosalie» und ihrem Rosenverkäufer mitsingen.

Wie wenig selbstverständlich das Gelingen des Unterfangens, Hip Hop mehrheitsfähig zu machen, ist, zeigt sich aber manchmal doch. Beispielsweise, wenn der DJ vor Bliggs Auftritt Jay-Z abspielt, um das Publikum aufzuwärmen. Die über 30-Jährigen stehen dann etwas verloren herum, weil Jay-Z nicht von Hackbrett und Akkordeon begleitet wird und auch nicht in den «Grössten Schweizer Hits» auftritt. Das spielte aber spätestens dann keine Rolle mehr, als Bligg nach einer knappen halben Stunde auf der Bühne «Musigg i dä Schwiiz» anstimmte. Zu dem Zeitpunkt hatten auch die über 30-Jährigen begriffen, wie das geht mit den Händen in der Luft und dem Kopfnicken. Schon zuvor bei «Das darfsch nöd» durften sich die älteren Semester geborgen fühlen: Weil darin «All Along the Watchtower» anklingt, und sie das noch von Bob Dylan oder Jimi Hendrix kennen. Und Bliggs Texte sind mittlerweile ohnehin so massentauglich wie seine Musik: Hatte er vor fünf Jahren noch gemeinsam mit Stress und Greis «Fuck Blocher» gerappt, besang er am Samstag die Freiheit und die «Heimat». Bliggs Musik stösst niemanden mehr vor dem Kopf; Minarette verbieten und Bligg hören, das geht problemlos zusammen. Daran änderte auch wenig, dass Bligg, nachdem er in «Secondos» die Geschichte seines eingewanderten Grossvaters erzählt hatte, dem Publikum zurief: «Das ist meine Antwort auf die Minarett-Initiative.»

Der Rapper als Rosenkavalier

Ein wenig seltsam sieht es noch immer aus, wenn Hackbrettspieler Nicolas Senn in Tracht hinter Bligg auf der Bühne steht. Der Akkordeonspieler hingegen fühlte sich offensichtlich pudelwohl auf der Bühne, spielte mit nacktem Oberkörper wie der Schlagzeuger und warf sich in Rockstar-Pose wie der Gitarrist. Der Bandleader selber genoss den Auftritt sichtlich. Erfolg sei vergänglich, hatte er vor einigen Wochen die Schweizer Illustrierte wissen lassen, und er würde ihn sofort gegen Kinder eintauschen. Momentan kann Bligg die Familienplanung noch auf die lange Bank schieben: Die Zuneigung des Publikums hat sich immerhin bereits als nachhaltiger erwiesen als die fünfminütige Liebe des Rosenverkäufers zu Rosalie. Zum Dank verteilte Bligg in Zuchwil Rosen. Sie waren gratis.