Ursenbach
Der Esel bringt die Milch in die «Chäsi»

Kaum einer kennt ihn noch, aber nun ist er wieder zu sehen: Der letzte Postillon von Ursenbach. Im soeben erschienenen Bildband «Ursenbach einst» werden faszinierende Einblicke in eine längst vergangene Zeit gewährt.

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Der Esel bringt die Milch in die Chäse

Der Esel bringt die Milch in die Chäse

az Langenthaler Tagblatt

Walter Ryser

Playstation, Facebook und iPhone, das ist die (heutige) Welt der Jugendlichen, hier sind sie zu Hause. Wie sich das Leben vor 100 und mehr Jahren abgespielt hat, dafür interessiert sich ein Grossteil der heutigen Jugend kaum. Es sei denn, ein Bildband zeige ihnen, wie die Urgrossmutter gekleidet, wie der Grossvater die Ernte eingefahren oder das Schulhaus, in dem sie ein- und ausgehen, entstanden ist.

Exakt einen solchen Bildband halten bereits etliche Ursenbacher Familien in den Händen, und «stöbern» und «schneuggen» darin. Dabei kommen sie kaum aus dem Staunen heraus. Da sieht man auf einer Aufnahme vom 11. Oktober 1926 den letzten Postillon von Ursenbach. Da gibt es Bilder von der seit geraumer Zeit aufgelösten Hornussergesellschaft. Auf einem andern Bild sieht man einen Bauern, wie er mit dem Esel die Milch in die «Chäsi» bringt. Auch Bilder von Internierten während des zweiten Weltkrieges sind vorhanden.

500 Bilder gesammelt

«Ursenbach einst» heisst das knapp 100-seitige Werk, das rund 400 Bilder umfasst, die bis ins vorletzte Jahrhundert reichen. Verantwortlich für diesen faszinierenden Bildband ist die Arbeitsgruppe «Eifach Ursenbach», die vor Jahren aus dem Gewerbeverein heraus entstanden ist und die bereits mit zahlreichen Projekten dafür gesorgt hat, dass über die rund 900 Einwohner zählende Gemeinde im obersten Zipfel des Amtes Aarwangen geredet wird. «Wie viele andere Gemeinden sind auch wir von der Schliessung unserer Schule bedroht, sind fast alle Dorfläden verschwunden und droht die Gemeinde ‹einzuschlafen›», berichtet Verena Weber, Gemeinderätin und Mitglied der Arbeitsgruppe «Eifach Ursenbach», die versucht, diesem Trend entgegenzuwirken.

So entstand vor rund zwei Jahren die Idee, eine Foto-Ausstellung mit Bildern aus früheren Zeiten zu realisieren. Nach Aufrufen in der Dorfzeitung und aktiver Suche durch die Mitglieder der Arbeitsgruppe bei den Einwohnern kamen rund 500 Fotografien zusammen, die vor einem Jahr an einer vielbeachteten Ausstellung gezeigt wurden (wir berichteten). «Während dieser Ausstellung reifte bei uns der Entschluss, die Bilder in Form eines Buches der Nachwelt zu erhalten», erzählt Fritz Steiner, seit einem Jahr Präsident der Arbeitsgruppe «Eifach Ursenbach».

Nicht alle Bilder identifiziert

Gesagt getan: Sämtliche Bilder, die sich in guter Qualität aufbereiten liessen, wurden eingescannt und digitalisiert. Rund 400 Bilder konnten so für den Bildband «Ursenbach einst» bereit gestellt werden. «Viele Leute stellten uns Bilder zur Verfügung, wussten aber selbst nicht mehr, wer darauf abgebildet ist», sagt Marianne Steiner, Frau des Präsidenten und selber Mitglied der Arbeitsgruppe. Die 49-jährige Kauffrau, die einen Grossteil der Arbeit an diesem Bildband verrichtete, begab sich quasi auf Ahnenforschung. «Auf einem Bild sind beispielsweise vier Kinder abgebildet, doch nur deren drei Namen konnten eruiert werden. Fast ein ganzes Jahr lang benötigten wir, bis wir auch den vierten Namen - nach zahlreichen Recherchen in der Verwandtschaft - in Erfahrung gebracht hatten.»

Weil nach wie vor nicht alle Bilder identifiziert sind, hat die Arbeitsgruppe auf Legenden im Bildband verzichtet und stattdessen ein Legendenblatt beigelegt. «Auf diese Weise können wir fehlende Angaben ergänzen und den Leuten aktualisierte Bildlegenden liefern», bemerkt Fritz Steiner. Der 51-jährige Besitzer einer Treuhandfirma in Langenthal ist vom Resultat - wie viele andere übrigens auch - begeistert und lobt in diesem Zusammenhang auch das Engagement der Gemeinde, die das Projekt mit 10 000 Franken vorfinanziert hat und mit einem Beitrag auch dafür sorgt, dass der Bildband zu günstigeren Konditionen bezogen werden kann (ein Exemplar kostet 40 Franken). 200 Exemplare wurden gedruckt, an der Gewerbeausstellung vor zehn Tagen wurden auf Anhieb 75 Bildbänder verkauft.
«Ich habe grosse Freude an diesem Bildband, denn viele dieser Fotos sieht man heute nicht mehr, sie gehen einfach verloren», zeigt sich auch Verena Weber erfreut über das Resultat. Weil sie in Ochlenberg aufgewachsen und erst durch die Heirat mit Beat Weber nach Ursenbach gekommen sei, kenne sie zwar die Leute auf den Fotos nicht, «aber ich bin fasziniert von den alten Häusern und Gebäuden und davon, was aus ihnen wurde oder wie sie sich verändert haben», sagt die 43-jährige, selbständige Hochbauzeichnerin und Mutter zwei Knaben.