Die «Nationalbank» der Gewerbler

Vor 75 Jahren wurde der WIR-Wirtschaftsring als Genossenschaft der Gewerbler gegründet. Zwei Jahre wurde er dem Bankengesetz unterstellt. Bis heute ist WIR eine Bank, die praktisch selbst Geld druckt.

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Limmattaler Zeitung

Daniel Haller

Doch, es gibt auch eine Bank ohne Manager-Boni. Gestern feierte sie im Kongresszentrum in Basel mit den Regierungsräten Adrian Ballmer (BL) und Christoph Brutschin (BS), Landratspräsident Hanspeter Frey, Grossratspräsident Patrick Hafner und Ständerat Rolf Büttiker (SO) ihr 75-jähriges Bestehen. Das ist für eine Organisation, die von einem Weltenbummler, Wanderarbeiter, Reformpädagogen, Nullwachstumsapologeten, Atomkraftgegner, Alternativsiedlungsgründer, Freikörperkultur-Verfechter, Yogi und Freiwirtschaftsprediger - dem Primarlehrer Werner Zimmermann - gegründet wurde, ein beachtlicher Aufmarsch an etablierter Prominenz. Nicht ohne Grund: Die WIR-Bank vertritt das weltweit erfolgreichste Modell, mittels einer Parallelwährung die regionale Wirtschaft zu stimulieren statt auf Globalisierung zu setzen.

In der Krise wieder aktuell

Da in der Krise der 1930er Jahre die Unternehmen das Geld horteten, anstatt zu investieren, gründeten Gewerbler die Wirtschaftsring-Genossenschaft mit der Komplementär-Währung WIR. Ein WIR entspricht einem Franken, den man nur bei WIR-Teilnehmern ausgeben kann und auf dem es keinen Zins gibt. Zu Beginn sollte ein Negativzins dazu anreizen, den WIR möglichst rasch wieder auszugeben.

WIR-BANK IN ZAHLEN

Die WIR-Bank beschäftigt in schweizweit sieben Filialen 206 Mitarbeitende (186 Vollstellen), davon die meisten am Hauptsitz in Basel.
Kennzahlen für 2008
(in Millionen Franken):

Bilanzssumme 3390,3
WIR-Kredite 873,8
Franken-Kredite 1869,8
 Kundengelder 1628,4
 Eigenkapital 331,1
 Reingewinn 10,4

«Gerade jetzt in der Krise ist WIR wieder sehr aktuell», erklärt René Frei, Inhaber von Baccara Schuhmoden in Liestal. Um die WIR, die er durch Schuhverkauf seit 18 Jahren einnimmt, loszuwerden, hat er seinen Konsum entsprechend organisiert: Kinderkleider, Velo, den Dachstock ausbauen, bei einem Schweizer dessen Ferienhaus in Spanien mieten, Essen gehen oder Ausgaben fürs Auto . . ., alles wickelt er möglichst im Kreis der WIR-Teilnehmer ab. Sein Fazit: «Eine gute Sache, aber man muss sich aktiv damit befassen.»

Instrument zur Kundenbindung

Weniger begeistert ist Pascal Benz, Geschäftsführer der Elektro Brönnimann AG in Sissach. «Mühsam, man bringt WIR oft fast nicht mehr los», meint er. Aber aus dem System aussteigen möchte er dennoch nicht: «Ohne WIR ginge der eine oder andere Auftrag bachab.» Mehrere gute Kunden, die er nicht verlieren will, würden teilweise mit WIR bezahlen. Selbst weiss er mittlerweile, bei welchen Lieferanten er mit WIR bezahlen kann. Und das sind einige: Im Baselbiet gibt es 1842, in Basel-Stadt 962, in der ganzen Schweiz sind es über 60 000 WIR-Teilnehmende.

«Der Zins bringts»

Der WIR dient nicht nur als Tauschmittel innerhalb des Teilnehmerkreises. Vielmehr vergibt die WIR-Bank Kredite in WIR. Damit sorgt sie für Liquidität bei den angeschlossenen KMU und übernimmt - ähnlich wie die Nationalbank - eine Geldschöpfungsfunktion. Sie muss somit für die verliehenen WIR selbst keine Zinsen bezahlen und kann WIR-Kredite seit Jahrzehnten zu den tiefsten Zinssätzen anbieten. «Der Zins bringts», betont Germann Wiggli, Vorsitzender der Geschäftsleitung. Durch die aktuelle Tiefzins-Phase habe WIR aber einen Teil dieses Marktvorteils verloren.

Seit gut zehn Jahren ist die WIR-Bank ins normale Bankgeschäft eingestiegen und bietet als Mittelstandsbank und Nischenplayer Finanzdienstleistungen in Schweizer Franken auch für Nichtmitglieder an. Kernbereich bleibe jedoch das WIR-System, erklärte Wiggli gestern an der Pressekonferenz.

Konzerne sind ausgeschlossen

Dieses System hat sich zwar seit Werner Zimmermanns schon fast antikapitalistischen Gründungsideen gewandelt. So wurde die Betriebsgrössen-Beschränkung abgeschafft: «Durch WIR konnten die KMU wachsen, und es erwies sich als nicht sinnvoll, sie deswegen auszuschliessen», erklärt WIR-Sprecherin Beatrice Trachsel. Geblieben ist aber der Grundsatz, dass WIR-Mitglieder kein Monopol anstreben und sich auf dem Markt nicht mittelstandsgefährdend verhalten dürfen. Konzerne oder Grossverteiler könnten also bei WIR nicht mitmachen.

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