Thomas Franz Schneider*
Gabriel Viehhauser*

Der «Parzival» war eine der wichtigsten Erzählungen der mittelalterlichen Literautur. Er wurde ursprünglich bereits um 1200 von dem aus Franken stammenden Dichter Wolfram von Eschenbach verfasst. Er erzählt vom schwierigen Aufstieg des ungestümen, aber naiven Königssohns Parzival , der auf Umwegen zum Artusritter und schliesslich zum Herrscher über das sagenumwobene Gralsreich wird.

Die Geschichte erfreute sich durchs gesamte Mittelalter hindurch einer besonderen Beliebtheit. An einigen Orten haben sich wertvolle mittelalterliche Manuskripte erhalten. Bis jetzt nur wenigen bekannt ist, dass es auch einen Solothurner « Parzival » gibt, oder eigentlich sogar deren zwei. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Wolframs «Bestseller» in ursprünglich bis zu 1000 handschriftlichen Exemplaren über den ganzen deutschsprachigen Raum verbreitet war - eine enorme Anzahl für ein literarisches Werk in einer zur Hauptsache schriftlosen Kultur. Davon haben bis heute nur 16 vollständige Handschriften und 70 mehr oder minder umfangreiche Fragmente überlebt, zwei, so wollte es der Zufall, auf dem Solothurner Staatsarchiv.

Wiederentdeckung per Zufall

Bereits zu Beginn des Jahres 1878 berichtete der damalige Solothurner Staatsschreiber und Staatsarchivar Josef Ignaz Amiet dem Germanisten Jakob Baechtold von der Auffindung neuer Fragmente zu Wolfram von Eschenbachs «Parzival». Baechtold, der spätere Zürcher Ordinarius für deutsche Literatur, war von Oktober 1872 bis Ostern 1878 Lehrer am Solothurner Kollegium. Eine Bearbeitung der Fragmente unterblieb aber aus unbekannten Gründen; sie gerieten in Vergessenheit bis zur Neuordnung und Erschliessung des Handschriftenfragmentenbestands des Solothurner Staatsarchivs.

Das betreffende, von Silvan Freddi, dem wissenschaftlichen Assistenten des Archivs, erarbeitete Repertorium liegt seit Mai 2003 vor. Ein zufälliges Gespräch im Sommer 2003 führte dann zur (Wieder-)Auffindung und zur wissenschaftlichen Bearbeitung der Solothurner Parzivalfragmente. Beide stammen aus der Zeit um 1300 und sind erhalten auf über 40 Pergamentstreifen - Lagen- und Buchrückenverstärkungen aus Recycling-Material, wozu die gegen Ende der Ritterzeit aus der Mode gekommenen Pergamenthandschriften degradiert worden waren.

Einblick in die Entstehung des Werks

Mit insgesamt etwa 500 beziehungsweise 1200 zum Teil angeschnittenen Versen gehören sie zu den grösseren Fragmenten des «Parzival». Sie erlauben durch ihre textgeschichtliche Einordnung vertiefte Einsichten in die Entstehung eines Hauptwerks der Weltliteratur und stellen, obwohl äusserlich unscheinbar, eine kleine wissenschaftliche Sensation dar, die unter Fachleuten sehr wohl wahrgenommen wird.

Das wohl bekannteste Manuskript aus dem Kanton Solothurn ist wohl die aufwändig illustrierte Historienbibel der Zentralbibliothek, die um das Jahr 1460 im Auftrag des Solothurner Stadtschreibers Johann von Staal in der Werkstatt Diebold Laubers im elsässischen Hagenau hergestellt worden war. 2008 erschien eine kommentierte Faksimile-Ausgabe dieses bedeutenden Objekts spätmittelalterlicher Buchkultur. Welche unentdeckten Schätze die Solothurner Archive und Bibliotheken noch bergen, kann niemand genau sagen. Eine grösser angelegte Untersuchung würde sicher lohnen. Bis dahin bleibt es Meister Zufall überlassen, welches Kleinod er ans Licht bringen will und welches er für spätere glückliche Finder zurückbehalten möchte.