Oerlikon

Ein Stadtteil wächst zusammen

Sschmuddelig: Die Bahnhofsunterführung, wie sie sich heute präsentiert.

Bahnhofsunterführung

Sschmuddelig: Die Bahnhofsunterführung, wie sie sich heute präsentiert.

In Oerlikon, dem urbanen Zentrum im Norden Zürichs, ist seit 1998 ein neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft worden. Tausende neue Arbeitsplätze entstanden, Tausende neue Einwohner zugezogen. Wie lebt es sich im Boomquartier?

Matthias Scharrer

Der Bahnhof Oerlikon ist Ende, Anfang und Mitte des «wichtigsten Nebenzentrums der Stadt Zürich», wie die Fachstelle Stadtentwicklung das Quartier auch nennt: Ende des Dorfes Oerlikon, das seinen Bahnhof einst an der Grenze zu Seebach wollte. Anfang des urbanen Oerlikons, das sich seither rund um den heute sechstgrössten Bahnhof der Schweiz entwickelte.

Mitte des neuen Oerlikons, das mit dem Bauboom auf den früheren Industriebrachen seit rund zehn Jahren rasant wächst. Damit der Bahnhof Alt- und Neu-Oerlikon nicht mehr trennt, will die Stadt Zürich 50 Millionen Franken in eine neue Unterführung investieren (siehe Update). Am 27. September wird darüber abgestimmt. Grund genug für eine Erkundungstour nach Zürich Nord.

Es ist Markttag in Alt-Oerlikon, wie immer mittwochs und samstags. Walter Wüest geniesst sein Bier vor dem Restaurant Marktplatz. Der Rentner war früher Platzchef des Marktes und lebt seit 15 Jahren in Oerlikon. «Oerlikon ist noch ein Dorf», sagt er. «Hier trifft man sich und kommt schnell miteinander ins Gespräch.» Während wir uns unterhalten, grüsst er immer wieder Bekannte, die gerade vorbeikommen - ein eher seltenes Bild in der anonymen Grossstadt. «Oerlikon ist kein Wohnsiloquartier, sondern ein Wohnquartier. Wenn ich hier einem du sage, wird er nicht gleich verrückt.»

In Neu-Oerlikon sei er nur selten, sagt Wüest. Und statt in die Pärke, die die Stadt in Neu-Oerlikon angelegt hat, gehe er lieber in den Wald. Von seinem Wohnort, einer Genossenschaftssiedlung am Fuss des Käferbergs, ist Wüest schon seit jeher schnell im Grünen.

Zwischenstopp im Hotel Swissôtel. Vom Dach des Hochhauses blickt man über die wuchernde Agglomeration von Zürich Nord. Nördlich der Bahngleise zeugt ein Backsteinbau in verblichenem Gelb vom alten Industriequartier, wo einst die Werkhallen von Bührle und BBC standen und ansonsten Niemandsland war. Heute erstreckt sich eine weitläufige Komposition aus modernen Beton-, Glas- und Stahl-Bauten nördlich des Bahnhofs Oerlikon: Neu-Oerlikon. 7000 Arbeitsplätze und 3500 Neuzuzüger zählt es mittlerweile. Für 12 000 Arbeitsplätze und 5000 Einwohner hat die Stadt das neue Quartier geplant.

Das Alte hat eine lange Geschichte: Anno 946 als «Orlinchowa» erstmals urkundlich erwähnt, erlangte Oerlikon 1872 politische Selbstständigkeit und wurde 1934 von Zürich eingemeindet. Mit dem Niedergang der Industrie schrumpfte Oerlikon von 22 000 Einwohnern (1960) auf 17 000 (1990). 1998 begann der Bau des neuen Stadtteils. Und sogleich wies der Kreis 11, zu dem Oerlikon gehört, die grösste Zahl der Neubauten in Zürich auf. Heute zählt Oerlikon knapp 21 000 Einwohner. Sie sind durchschnittlich glücklich: Laut der neuesten Bevölkerungsumfrage der Stadt benoten die Oerliker die Lebensqualität mit 5,16 - gleich, wie Zürichs Stadtbevölkerung insgesamt.

Dass das Wohnangebot in Oerlikon von der Bevölkerung besser - beziehungsweise weniger schlecht - beurteilt wird als im städtischen Durchschnitt, dürfte mit Neu-Oerlikon zusammenhängen: Es ist ein junges Biotop des Städtebaus, grosszügig gestaltet, mit gartenarchitektonisch zum Teil spektakulären Parkanlagen, modernen Blocksiedlungen mit grossen Balkonen, begrünten Innenhöfen und attraktiven Spielplätzen. Allein, es sei erst wenig belebt, war wiederholt zu lesen. Wie lebt es sich heute hier?

Jasmin Lang sitzt im Oerliker Park auf einer Bank, die von den jungen Birken noch kaum beschattet wird. Die 16-jährige ist in Alt-Oerlikon aufgewachsen und hat den Neu-Oerliker Boom von klein auf mitbekommen. «Zürich ist sowieso die grösste Baustelle der Welt», lautet ihr Fazit. «Aber es ist nicht mal so schlecht hier». Sie komme oft nach Neu-Oerlikon.

Der «Oe-Park» habe sich für sie und ihre Kollegen zum Treffpunkt entwickelt, erzählt sie bereitwillig, nachdem sie ihre Kopfhörer aus den Ohren gestöpselt hat. «Im Park chillen, schwatzen, es lustig haben, im ‹Max› was trinken und es dann noch lustiger haben, was Jugendliche halt so machen» - das sind für Lang Gründe, nach Neu-Oerlikon zu kommen. Nicht immer zur Freude der Anwohner: «Einmal wurden Kollegen von einer Wohnung aus mit Flaschen beworfen.

Dabei war ihr Lärmpegel nicht mal so hoch», sagt die Kosmetik-Lehrtochter. Der Jugend-Treffpunkt hat auch seine Schattenseiten: «Es komme schon mal zu ‹Anfiggereien› durch andere», sagt Jasmin. «Aber wir nehmen es easy.» Neu-Oerlikon sei für sie, die in Alt-Oerlikon aufgewachsen ist, ein Stück Heimat geworden. Ein Stadtteil wächst zusammen.

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