Fundbüro

Im Fundbüro stapeln sich kuriose und teure Dinge

Die Welt der verlorenen Sachen

Die Welt der verlorenen Sachen

Was verloren geht, landet im Fundbüro in Liestal. Nach der Fasnacht laufen hier die Drähte heiss. Gesucht werden Eheringe, Larven – und ein Kostüm.

Katja Schlegel

Hinter einer moosgrünen Metalltür liegt die fensterlose Schatzkammer des Baselbieter Fundbüros und Verwertungsdienstes. Entlang den Wänden des grell ausgeleuchteten Raums ziehen sich Holzregale. In der Raummitte stehen Velos, Dutzende Velos in langen Kolonnen. Es riecht nach Gummi. Alles ist alarmgesichert. Wer hier hineinwill, braucht einen Badge. Und wer keinen hat, wird in eine Liste eingetragen. Kontrolle ist alles: Kein Gegenstand wird eingecheckt, ohne dass zwei Personen dabei sind. Vier-Augen-Prinzip nennt sich das und liegt Berardino Barbati, Leiter des Fundbüros und des Verwertungsdienstes, sehr am Herzen. «Bei uns arbeitet keiner allein, wir sind immer zu zweit.» Eine Sicherheitsvorkehrung, die die Mitarbeiter vor Verdachtsfällen oder Unterstellungen und die Ware vor Missbrauch oder Diebstahl schützt.

In diesem Raum im ehemaligen Zeughaus an der Oristalstrasse landen früher oder später alle Fundgegenstände aus dem ganzen Kanton (siehe Box). Verwerten, verwahren, vernichten oder aushändigen, so lautet die Devise. Platz hätte es für 20000 Gegenstände, im Moment liegen rund 4000 in den Holzregalen. Eine Kaffeemaschine, ein Golfsack, eine Blockflöte, ein Set Rasierer, ein Modellflieger. Und die üblichen Verdächtigen: Portemonnaies, Schmuck, Schlüssel, Schirme, Handys, Kameras, Laptops. Wertvolle Dinge, die keiner vermisst. Und Dinge, die man mittels Seriennummern dem Besitzer mühelos zuordnen könnte. Aber: «Wenn keiner den Gegenstand sucht, recherchiert die Polizei auch nicht nach dem Eigentümer», sagt Barbati. Der Aufwand wäre zu gross.

Geheimnisvolle Kartonschachteln

Nebst den Regalen mit den Fundgegenständen gibt es die mit den von Betreibungs- und Konkursämtern gepfändeten oder von der Polizei beschlagnahmten Gegenständen: Computer, CD, geheimnisvolle Kartonschachteln. Die werden verwahrt, später ausgehändigt oder vernichtet. Was im Sammelsurium des Fundbüros fehlt, sind Waffen, Drogen und Bargeld. «Das bewahrt die Polizei auf.»

Die Fasnacht sorgt im Fundbüro für heisse Drähte. «Es ist der Wahnsinn. Nach einer einstündigen Sitzung hatte ich 14 Anrufe in Abwesenheit», sagt Barbati. Gesucht werden Handtaschen, Eheringe, Handys, Larven – und ein Kostüm. Wobei Barbati insbesondere bei Letzterem nicht ausschliesst, dass es sich um einen Jux handelt. «Viele Anrufer haben betrunken geklungen.» Und natürlich lockt ein Fundbüro auch Schlitzohren an: Besonders beliebt ist die Variante «Geld verloren». «Aber ohne Eigentumsnachweis gibt es kein Geld», sagt Barbati. Das gilt nicht nur für Geld, sondern auch für alle anderen Gegenstände. Da ist er streng und muss streng sein.

Grosse Diskrepanz

Die Diskrepanz zwischen der Anzahl Anfragen und den tatsächlich abgegebenen Fundgegenständen ist gross. Das zeigt sich besonders nach stürmischen Zeiten wie der Fasnacht: In den zehn Tagen rund um die Basler Fasnacht wurden im ganzen Kanton nur gerade 14 Gegenstände bei der Polizei abgegeben. Das sind zwar für diese kurze Zeitspanne viele Gegenstände – zu den Anrufen Suchender stehen sie aber in keinem Verhältnis.

Die Sachen, die keiner mehr will, werden verwertet. Jedes Jahr finden mehrere Versteigerungen statt. Das Geld wird zur Deckung der Unkosten verwendet. Der Überschuss geht an die Staatskasse oder wird zur Deckung der Verfahrenskosten im Sicherstellungswesen verwendet. Sind die Fundsachen erst einmal in Liestal gelandet, werden sie kaum noch abgeholt. Rund 1500 neue Gegenstände kommen jedes Jahr zusammen. In nur gerade 10 Prozent der Fälle meldet sich der Eigentümer, in 20 Prozent der verbleibenden Stücke übernimmt der Finder die Sache. Für Barbati unverständlich: «Wenn ich eine Kamera, ein Handy oder Schmuck verliere, fehlt mir das. Ich kann nicht verstehen, warum keiner nach den Sachen sucht.» Vielleicht sei das die heutige Wegwerfgesellschaft. «Oder vielleicht sind die Leute einfach zu faul und nehmen lieber das Geld der Versicherung, als das verlorene Stück zu suchen.»

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