Von Bojan Stula

Es ist kalt im Schällemätteli. Kalt und dunkel. Dabei hatte die Strafanstalt schon bei ihrer Eröffnung 1864 eine Zentralheizung mit Holzfeuerung, was damals etwas unerhört Fortschrittliches darstellte. Heute, im Oktober 2009, ist das Schällemätteli ein verlassener Ort; verlassen, ungeheizt und reif für den Abbruch. «Schade eigentlich», sagt Anne Nagel. Die Kunsthistorikerin bei der Basler Denkmalpflege führt uns durch die kahlen Gänge den Gefängniszellen entlang. «Aus architekturhistorischer Sicht zweifellos ein Verlust.»

Doch für nicht geschützte Baudenkmäler ist an der Basler Spitalstrasse kein Platz mehr. Ende dieses Monats beginnt der endgültige Abbruch der ehemaligen Strafanstalt, um dem Neubau des Life-Sciences-Zentrums der Universität Basel Platz zu machen. «Rückbau» heisst das in der Sprache des Bau- und Verkehrsdepartements Basel-Stadt.

Es ist immer das alte Lied: Gut gelegener Stadtboden ist rar und begehrt. Das war im 19. Jahrhundert nicht anders. Gebaut wurde die neue Basler Strafanstalt auf dem Areal des ersten «Französischen Bahnhofs», der 1845 innerhalb der Stadtmauern erstellt wurde, dann aber an den heutigen Standort am Centralbahnplatz umzog.

Stellte die Spitalstrasse damals noch die äusserste städtische Peripherie dar, entstanden in den Folgejahren immer rascher sie umgebende Wohn- und Gewerbeviertel. Das Schällemätteli war noch keine 20 Jahre alt, als um 1880 bereits Rufe nach einer Verlegung der Strafanstalt laut wurden, weil niemand nahe der Stadtmitte ein solches Objekt in seiner Nachbarschaft wissen wollte.

Peter M. Schulthess begleitet uns auf dem Rundgang durch das Abrissobjekt. Der Basler Buchautor, Fotograf und Gefängnisspezialist betont dabei den Wertewandel im Strafvollzug, der mit der Eröffnung des Schällemättelis einherging. Noch 1819 wurde in Basel die letzte Hinrichtung vollzogen: öffentlich, mit dem Schwert, eine ziemlich blutige Angelegenheit. Pranger und Prügelstrafen waren gängige Bestrafungsformen.

Gefangene waren in Basel bis 1821 in Türmen eingekerkert. Oder mussten in Klöstern ihre Strafe absitzen. Wie dem Predigerkloster, dem direkten Vorläufer des Schällemättelis. Einige Jahrzehnte später wurden Strafgefangene im jungen helvetischen Bundesstaat bereits nach Grundregeln und Tagesabläufen gehalten, die im Prinzip noch heute gelten.

Als geradezu luxuriös durfte sich die neue Basler Strafanstalt wähnen; und dies nicht nur wegen der Zentralheizung, die alle 153 Zellen mittels Heisswasserrohren erwärmte. Jeder Insasse erhielt dreimal täglich Mahlzeiten und ein Pfund Brot; dazu, auf die Woche verteilt, rund ein Pfund Fleisch. Auch die Arbeitsmöglichkeiten im 620 000-Franken-Neubau waren für die Insassen lukrativ. Durch besonderen Fleiss und Einsatz in der Freizeit konnte ein Insasse in Basel mehr verdienen als in Strafanstalten anderer Kantone, die Strafgefangene für gewöhnlich in der weniger ergiebigen Landwirtschaft einsetzten.


In Basel hingegen konnte in der Schreinerei, der Brennholzrüsterei, der Druckerei oder anderen Arbeitsgattungen gutes Geld verdient werden, das meist für den Zukauf von Nahrungsmitteln, Alkohol, Schnupf- oder Kautabak draufging - das Rauchverbot wurde erst 1950 gelockert. In weiser Voraussicht wurde den Strafgefangenen nur ein kleinerer Teil ihres Verdienstes ausbezahlt. Der grössere Teil wanderte auf ein Sparkonto, das den gesellschaftlichen Neustart nach der Entlassung begünstigen oder allfällige Schulden begleichen sollte.

Nicht immer wussten die Gefangenen die neuzeitlich-philantropischen Justizansätze zu schätzen. Bekannt geworden ist der gravierende Vorfall aus dem Jahr 1876: Zwei Sträflinge überwältigten bei einem Ausbruchsversuch drei Nachtwächter und ermordeten diese. Als einer der Ausbrecher nicht über die Gefängnismauer kam, erschoss er sich mit dem Gewehr, das er einem der Nachtwächter abgenommen hatte. Der andere Flüchtende wurde bald darauf wieder eingefangen.

Die Wärter revanchierten sich für renitentes Verhalten mit ihren eigenen Methoden. Aktenkundig ist die Verwendung eines «Stehgitters» in einer der Arrestzellen geworden, in dem der Unglückliche nur gerade genug Platz zum Stehen hatte und vielleicht tagelang in dieser unmenschlichen Haltung ausharren musste. Prompt ging einmal ein solcher Arrestant vergessen, weswegen die Praktik aufflog und eine offizielle Untersuchung nach sich zog.



Jede einzelne der 153 Zellen könnte wohl solche und ähnliche Geschichten erzählen. Schier endlos war der Einfallsreichtum der Insassen, wenn es um das Schmieden von Fluchtwegen, die kleinen Tricksereien des Knastalltags oder die Suche nach geheimen Kommunikationsmöglichkeiten mit anderen Zellengenossen ging. Wie viele Insassen von 1864 bis zur endgültigen Schliessung im Jahr 2004 im Schällemätteli das Zeitliche segneten, ist unbekannt, könnte aber wohl in irgendwelchen Akten nachgerechnet werden; ebenso die Zahl der Ausbrüche.

Peter Schulthess, der 2010 ein Buch über das Schällemätteli im Reinhardt-Verlag veröffentlichen wird, erläutert inzwischen eine ganz andere, sehr erstaunliche Statistik: 1893 ergab die allererste Inventarisierung des Schweizer Strafvollzugs die Gesamtzahl von 6700 Haftplätzen in allen Kantonen; dies bei damals 3,2 Millionen Einwohnern. Über 110 Jahre später, 2007, zählt die Schweiz immer noch total 6700 Haftplätze - heute allerdings für 7,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner.

Das Basler Schällemätteli wird nie mehr seinen Beitrag zu irgendeiner Haftstatistik leisten können. Wenn in ein paar Tagen die Bagger und Laster auffahren, werden auch die letzten Geister aus der einst so modernen Strafanstalt vertrieben sein.