Toni Widmer

Erdbeerbauern sind in verschiedener Hinsicht gefordert: Zum einen ist das Rosengewächs eine relativ heikle Pflanze. Sie hat gerne feucht, aber nicht gerne nass und sie hat gerne warm, aber nicht gerne heiss. «Erdbeeren lieben das beständige heisse Badewetter nicht, sie gedeihen am besten bei nicht zu grosser Einstrahlung. Dabei darf es auch einmal regnen, sollte aber schnell wieder abtrocknen. Sonst haben wir Probleme mit der Fäulnis», sagt Willi Staubli, Muri, Präsident der Vereinigung Aargauischer Beerenpflanzer und selbst einer der grössten Aargauer Erdbeerproduzenten.

Wetterkapriolen haben Ernte verzögert

Zum andern soll die süsse Beere rechtzeitig reif sein. Diesbezüglich hat sie den Aargauer Produzenten dieses Jahr etwas Kopfzerbrechen bereitet: «Im Mai, wenn die Sonne erstmals wieder richtig scheint, bekommt der Konsument so richtig Lust auf Erdbeeren. Dann müssten wir eigentlich bereit sein. Doch die Wetterkapriolen haben dieses Jahr die Ernte etwas verzögert», erklärt der Dottiker Erdbeerbauer Markus Wietlisbach.

Doch jetzt sind sie richtig da, die Aargauer Erdbeeren. Allein gestern Montag sind laut Hansruedi Rauchenstein, dem Gemüse- und Beerenspezialisten vom Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg, kantonsweit rund 22 Tonnen gepflückt worden. Die grossen Produktionsgebiete liegen vor allem im Bünztal (Dottikon, Dintikon, Hägglingen), in der Region Entfelden/Muhen, im Oberfreiamt (Muri und Umgebung) in Tegerfelden sowie in der Region Seengen.

Der Aargau ist auch Erdbeerkanton

Der Aargau, weiss Rauchenstein, ist nicht nur Rüeblikanton. Mit einer Anbaufläche von rund 40Hektaren rangiert er hinter den Kantonen Thurgau, Bern und Wallis bei der Erdbeerproduktion an 4. Stelle, gleichauf mit Zürich. Jede 10. Schweizer Erdbeere wächst im Aargau. Das hat nicht primär mit den fruchtbaren Böden und dem idealen Klima zu tun: «Ein wichtiger Grund dafür ist sicher, dass grosse, erfolgreiche Produzenten ihre Erfahrung auch anderen Aargauer Bauern weitergeben.»

Erfahrung ist denn auch ein wichtiger Faktor bei der Erdbeerproduktion. Eine zentrale Rolle spielt dabei die gewählte Sorte. Sie bestimmt das Aroma und die Fruchtfestigkeit wesentlich. Für Erdbeeren, die in den Grosshandel kommen und erst ein bis zwei Tage nach der Ernte konsumiert werden, wählt man eher Sorten, die einen guten Kompromiss zwischen Aroma und Fruchtfestigkeit bieten. Für Selbstpflücker, über die mittlerweile rund ein Drittel der Aargauer Ernte vertrieben wird, setzen die Produzenten das Schwergewicht beim Aroma. Bei diesem Absatzkanal sind etwas weichere Früchte und eine dunklere Farbe kein Nachteil.

Guter Absatz, aber hohes Risiko

Erdbeeren zu produzieren, kann für einen Landwirtschaftsbetrieb durchaus ein gutes Standbein sein, wenn alles rund läuft: «In der Regel können wir unsere Ernte gut absetzen. Vor allem beim Direktverkauf ab Hof und beim Selberpflücken zeigt der Trend nach oben», erklärt Markus Wietlisbach. Weil die Aargauer Erdbeerproduzenten gut organisiert seien und den Markt nicht überschwemmten, liessen sich auch im Grosshandel Preise erzielen, mit denen die Produktionskosten gedeckt werden könnten.

Anderseits, sagt Willi Staubli, sei die Erdbeerproduktion risikoreich: «Wir sind vor allem sehr stark wetterabhängig. Wenn es zu nass oder die Hitze zu gross ist, bringen wir die gewünschte Qualität nur mit Mühe hin. Und dennoch müssen wir liefern können, wenn der Gluscht bei den Konsumenten am grössten ist.» Das ideale Konsumwetter für Erdbeeren, hat Staubli anhand der Nachfrage festgestellt, liege bei frühsommerlichen 22 bis 27 Grad: «Ist es kälter oder wärmer, nimmt die Lust am Erdbeerkonsum spürbar ab.»

Erdbeeren, geben die erfahrenen Produzenten Willi Staubli und Markus Wietlisbach den Konsumenten einen Tipp, sollten nach dem Pflücken so schnell wie möglich gegessen werden. Ansonsten müssen sie im Kühlschrank aufbewahrt, aber rechtzeitig vor dem Konsumieren wieder herausgenommen werden: «Wie ein guter Käse oder ein guter Rotwein entwickeln auch die Erdbeeren ihr volles Aroma bei Zimmertemperatur.»