Es ist schon erstaunlich: Gerade noch hatte Deutschland das Image des sympathischen Grand-Prix-Gewinners – und schon hat die Nominierung eines neuerlichen ESC-Kandidaten für den Eurovision Song Contest für ein Drama gesorgt, das den Sieg von Lena anno 2010 in weite Ferne rücken lässt.

Damals wurde der Kandidat noch «demokratisch» durch Wahl des Publikums via Castingshow gekürt. Heute entscheidet der verantwortliche Norddeutsche Rundfunk (NDR) allein, wer das Land im Mai 2016 in Stockholm vertreten soll – und pickt sichausgerechnet Xavier Naidoo heraus.

1. Akt: Die falsche Wahl und der Shitstorm

Die Reaktionen auf die Wahl fallen harsch aus:

Carline Mohr Tweet

Manuel Tweet

Den folgenden Shitstorm hat sich der NDR höchstselbst eingebrockt: Es hagelt Kritik auf Social Media, eine Online-Petition wird aus der Taufe gehoben und der Feuilleton formiert seinen Widerstand.

Henning Jensen Tweet

«Xavier Naidoo ist ein herausragender Sänger, der nach meiner Überzeugung weder Rassist noch homophob ist. Es war klar, dass er polarisiert, aber die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht. Wir haben das falsch eingeschätzt», sagte der zuständige NDR-Mann der Welt am Sonntag.

2. Akt: Der Rückzieher und der Shitstorm

Die späte Reaktion: Ob des Sturms der Entrüstung streicht der NDR die Segel – Naidoo wird als ESC-Kandidat nach 60 Stunden schon wieder versenkt.

Extra3 Tweet

Doch anstatt die Wogen zu glätten, fachen die Verantwortlichen den Shitstorm durch ihre Alleingänge und die katastrophale Kommunikation nur noch mehr an. «Ich hätte es begrüsst, wenn diese Diskussion ARD-intern hätte geführt werden können.

So ist das alles sehr unglücklich gelaufen», murrt Volker Herres – notabene der Programmdirektor des Muttersenders ARD. Der Spott auf Twitter, Facebook und Co. lässt nicht lange auf sich warten.

Daneben kommt nun auch erneut Kritik auf – was wiederum am grossen Schweigen des NDR liegt. Nicht einmal Xavier Naidoo wird von den Hamburgern selbst über seine Demission informiert, wütetBild – geschweige denn der geneigte deutsche ESC-Fan in den sozialen Netzwerke.

Auf Twitter? Nichts! Auf Facebook? Eine dünne Erklärung. Der Shitstorm? Bläst den Norddeutschen noch heftiger ins Gesicht. Und das dicke Ende für den NDR kommt erst noch:

Xavier Naidoo singt nun doch nicht für Deutschland beim Eurovision Song Contest. Der NDR hat seine Entscheidung zurü...

Posted by NDR.de on Saturday, November 21, 2015

NDR Post auf Facebook

3. Akt: Promi-Shitstorm über den Shitstorm

Wieso das Auge des Sturms noch nicht erreicht ist? Weil schon wieder eine Online-Petition ins Leben gerufen wurde, die fordert, dass Naidoo nun doch wieder für Deutschland nominiert werden soll. Ausserdem haben sich namhafte Unterstützer des in Ungnade Gefallenen gefunden.

Xavier Naidoo fährt doch nicht für Deutschland zum ESC  – «Okay für mich», sagt er Comedian Michael Mittermaier hat zum Beispiel einen «billig innitierten Presse-Shitstorm» ausgemacht. «Tatort»-Draufgänger Till Schweiger greift das auf und poltert gewohnt gallig, die Kampagne gegen Naidoo sei eine «Form von Terrorismus».

Lieber Michael, deinem Text kann man eigentlich nichts mehr hinzufügen...ausser vielleicht, dass auch ich erschüttert...

Posted by Til Schweiger on Friday, November 20, 2015

FB Post von Til Schweiger

Epilog: Selbst Schuld am Drama

Mittlerweile haben die Macher auf die Kritik reagiert – mit Gegen-Kritik. Auf der deutschen ESC-Website ist von einer Jagd auf Naidoo die Rede, bei der «kein Erbarmen» gezeigt würde: «Es hatte den Anschein, als sei die Diskussion im Netz sogar stärker als bei den Terroranschläge von Paris.»

Anstatt die Fehler bei sich zu suchen, greift der NDR die Kritiker an – und macht das Kommunikationsdesaster komplett. Mal sehen, ob die Hamburger den Kahn noch auf Kurs bringen können, bevor er im Shitstorm endgültig absäuft. Das Drama um den deutschen ESC-Beitrag dürfte noch lange nicht zu Ende sein.

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